Sonntag, April 08, 2007

Stuttgart zuhause

Es gibt Tage, die vergisst man einfach nicht. Und es gibt Spiele, die bleiben einem, sowohl positiv als auch negativ, scheinbar ewig im Gedächtnis. Und es gibt beides zusammen. So wie an diesem Samstag denn 07.04.2007.
Es ist ca. 9:00h morgen als Julie und ich mich auf den Weg machen. Wir haben eine Menge zu tun: Auto waschen, Ostergeschenke besorgen, einkaufen, Sachen packen und Auto beladen. Wir haben nämlich einen Woche Urlaub und den wollen wir bei Julies Eltern im Vogtland verbringen. Der frühe Vogel fängt ja bekanntlich den Wurm und so sind wir schon früh unterwegs, denn wir wollen ja möglichst stressfrei die Zeit bis zum Spiel rum kriegen. Wir gehen also zum Auto und ich stecke den Schlüssel ins Zündschloss, drehe rum, und der Anlasser dreht sich auch...aber nur 2 mal, das ist Feierabend! Kurzer Blick nach recht, ja, Julie ist noch gefasst! Zweiter Versuch: Diesmal dreht der Anlasser nur 1x. Spätestens jetzt steigt auch in mir Panik auf. Was soll das denn jetzt? Warum springt die Scheisskiste denn nicht an? Und das an diesem Tag! Auch, wenn ich mir das Ergebnis schon denken kann: Alles guten Dinge sind drei und so versuche ich es noch mal. Jetzt passiert aber gar nichts mehr! Geiles Ding! Noch mal ein Blick nach rechts: Julies Gesichtszüge sind komplett entgleist! Und auch ich fange an, einige Dinge in Frage zu stellen: Vogtlandurlaub, Stuttgart, Gladbach... Julie und ich sind es zum Glück von Berufswegen gewohnt, das unerwartete zu erwarten und so rufen wir schnell und mit gefasster Stimme meinen Daddy an, der noch beim Frühstück sitzt. Seinen Ferndiagnose deutet auf die Batterie und er verspricht, sich sofort auf den Weg tzu mir zu machen. Meine Eltern bekommen in knapp 2 Wochen eine neue Küche und haben eigentlich besseres zu tun, als sich um mein Auto zu kümmern. Was wäre ich bloss ohne sie... Julie und ich versuchen die Dinge, die wir zu Fuss erledigen können, schon mal abzuhacken. 45 Minuten später ist mein Daddy da mit jeder Menge technischen Firlefanz. Er misst die Spannung an der Batterie. Nicht mal 12 Volt. Als ich mich ins Auto setzte um zu starten fragt Julie ihn, wie hoch denn die Spannung sein darf bzw. muss. Nicht unter 10 Volt...antwortet mein Vater. Als ich den Schlüssel drehe sinkt die Spannung auf 2 Volt. Noch Fragen? Übrigens: Falls ich hier Begriffe wie Volt, Spannung oder ähnliches falsch verwende, dürft ihr mich gern berichtigen. Das Problem ist also lokalisiert und wir besorgen eine neue Batterie. Der Spass kostet mich mal eben knappe 50 Euro und uns 90 Minuten unserer kostbaren Zeit...wenn so nicht ein erfolgreicher Tag beginnt weiss ich es auch nicht! Wir waschen das Auto später, besorgen noch Ostergeschenke bei Media Markt (ja, Malte, sorry...Hummelsbüttel) und wollen dann nur mal kurz noch eine Kiste Flens bei Edeka holen. Leider ist heute „Oster Samstag“ und die Menschen glaube wie jedes Jahr, das ist der letzte Tag, an dem man etwas für Geld kaufen kann. Es sind scheinbar ALLE auf den Beinen, so dass wir natürlich keinen Parkplatz und auch nur noch 11 Flaschen Flens bekommen. Super! Jetzt aber schnell nach Hause und das Auto beladen. Während ich so am schleppen bin, hacke ich natürlich die Eingangstür meines Wohnblocks unten ein. Und jetzt kommt etwas aus der Kategorie: Verstehe das wer will...ich nicht! Ich räum und mache also vor mich hin, als ich eine alte Omi zielstrebig auf unsere Tür zulaufen sehe. Sie will die Tür zu machen und ich meine zu ihr, ob wir die nicht auflassen können, denn ich habe noch etwas mehr zum Auto zu tragen. Dabei halte ich die Tür mit meinem rechten Arm offen. Die Omi scheint mich aber nicht richtig zu verstehen und meint nur: Ich wollte aber nicht unter ihrem Arm durchlaufen...“ Die Situation geschickt mit einem Lächeln überspielt eile ich nach oben. Auf der Mitte der ersten Treppe höre ich nur von unten: „Jetzt kann ich die Tür aber zu machen oder?“ „Nein, bitte auf lassen, ich muss noch...“ Rumms! Tür zu! Omi draussen auf dem Weg in ihren eigentlichen Hauseinangen... Ohen Kommentar! Gegen 13:15h machen Julie, ich und das volle Auto mit neuer 50 Euro Batterie auf den Weg zu Groni! Nachdem wir bei Julies „Abstellraum“ noch die Post raus genommen haben, erwartet uns Herr G. schon vor der Tür. Jetzt wird der Tag zum Glück etwas entspannter, denn wir haben keine Probleme zum Stadion zu kommen. 20 Minuten und wir fahren auf den Helling Parkplatz direkt am Stadion. Jetzt noch schnell via Astrastand vor der Colorline Arena zum Uwe Fuss. Hier erwartet und schon Malte und Simon in Begelitschaft von griechischen Austauschstudenten. Es ist 14:30h und wir zelebrieren das Ritual, welches uns seit geraumer Zeit die Heimspiele nicht mehr verlieren lässt: Bier trinken an Uwes Fuss. Gegen 15:00h nimmt Groni Julie und mich mit ins Stadion. Wir machen uns sofort auf den Weg zu unseren Plätzen. Es scheint die Sonne, ausverkauftes Stadion und die Tatsache, dass wir uns heute mit einem konzentrierten Spiel endgültig aus dem Abstiegskampf verabschieden können. Malte erzählt mir von seinem Traum, er hätte gern mal wieder ein Spiel, bei dem man sich nach spätestens 60 Minuten entspannt zurück lehnen kann. Dieser Traum sollte heute in Erfüllung gehen... Der Anstoss rückt näher und dei Vorbereitungen auf die Choreo laufen auf Hochtouren. Julie und ich sitzen heute in Reihe zwei. Hinter uns Malte, Groni, Thorsten (WOW!!!) und Jens. Wir bekommen Bierkrawatten in die Hand gedrückt. Das wird ein geiles Bild geben. Dazu noch eine Blockfahne über den B-Rang. Die Mannschaften kommen und die Nordtribüne versinkt in einem Meer aus Bierkrawatten und einem ohrenbetäubenden Lärm. Heute ist der Tag, an dem wir unseren Hals aus der Schlinge ziehen! Die Blockfahne wird hoch gezogen und ein Spruchband wird entrollt:„ HIER ERSTRAHLT DIE HANSESTADT, DIE KEINEN ZWEITLIGISTEN HAT“. Stevens schickt die gleiche Formation wie gegen Wolfsburg auf den Platz. Was sich hier aber in den nächsten 90 Minuten abspielen wir, hat mit Erstligafussball nichts zu tun. Hitzelsberger prüft nach 10 Minute das erste Mal Rost, der den Ball zur Ecke lenken kann. Das Abwehrverhalten unserer Defensivabteilung bei der nachfolgenden Ecke ähnelt eher Kreisklasse als Bundesliganiveau. Ecke von rechts auf den zweiten Pfosten, der Ball wir wieder zurück auf rechts gespielt, ohne dass der HSV entscheident stören kann. Schliesslich flankt Delpierre auf Cacau, der Mathijsen schubst und dann völlig frei zum 0:1 einköpfen kann. Krasse Fehlentscheidung von Schiri Wagner. Dies sollte nicht seine letzte sein. Fehlentscheidung hin oder her...der Ball muss besser geklärt werden. Basta! 3 Minuten später: Für mich wieder ein Foul an einem HSVer im Mittelfeld was Wagner übersieht! Pardo kommt an den Ball und hat auf rechts viel zu viel Platz. Er flankt nach innen und Khedira kann wie im Training einköpfen. 0:2 nach 13 Minuten. Wars das jetzt schon? Nein, es wird besser! Nicht nur, dass unsere Offensive sich überhaupt nicht gegen die guten Stuttgarter Verteidiger auch nur in Tornähe bringen kann...Schiri Wagner tut sein bestes, keine Zweifel an diesem Auswärtssieg aufkommen zu lassen: Lauth auf der linken Seite im Laufduell mit Benjamin. Plötzlich fällt der Schwule hin und Wagner haut in sein Horn! Erinnerungen an Paderborn und einen Mann namens Hoyzer schiessen mir durch den Kopf! Aber Wagner ist nicht alleine Schuld! Der HSV hat heute wohl Tag offenen Tür. Ansonsten ist das folgende Abwehrverhalten nicht zu erklären: Hitzelsberger flankt von links draussen und der Ball ist gefühlte 8 Minuten unterwegs. Hilbert hat aber dennoch kein Problem gegen Ben Hatira den Sack zu zumachen und köpft fast ungestört zum 0:3 ein. Wir schreiben die 27 Minute... Malte fragt mich, ob ich mich dran erinnern könnte, dass wir zur Halbzeit schon mal 0:3 hinten lagen. Ja, das kann ich. Im alten Volkspark gegen Köln. Ich glaube sogar, 2 Jahre hintereinander. Irgendwie hat aber Schiri Wagner heute richtig Bock in den „Pfiff des Tages“ beim aktuellen Sportstudio zu kommen. 34 Minute: Ben Hatira rauscht, zugegeben etwas übermotiviert, in einen Stuttgarter mit einem heftigen Grätsche rein. Sache ist klar: Gelb für Ben Hatira und Freistoss für Stuttgart. Was nicht mit Schiri Wagner. Er greift sich gekonnt an die Gesässtasche und zückt Rot! Viel zu hart, wie ich meine. Allerdings hatte er wenigen Minuten van der Vaart bei einer ähnlichen Aktion nur mit Gelb bedacht. Wahrscheinlich hat sich der gute Mann gedacht, dass das ausgeglichen werden muss. 9 Minuten später erreicht die Zirkusvorstellung von Wagner aber ihren Höhepunkt: Hitzelsberger stoppt einen HSVer mit einem taktischen Foulspiel (er hält das Bein von der Seite rein) höhe Mittelkreis. Gelb, Freistoss HSV. So wird es wohl in jedem Schirilehrgang erklärt. Was macht aber Wagner? Er zeigt Hitzelberg glatt Rot! Und jetzt gibt es kein halten mehr: Das ganze Stadion, sofern sie nicht unbedingt Sympathisanten des VfB sind, bricht in ein schallendes Gelächter aus! Ich drehe mich um und sehe Malte, der Tränen in den Augen hat vor Lachen. Spätestens nach dieser Aktion scheint sicher: Wagner wird auf Lebenszeit gesperrt! Jetzt ist Halbzeit und Wagner verlässt, begleitet von einem gellenden Pfeifkonzert, als letzes den grünen Rasen. Die Halbzeitaktion von Dolmar kann mich nur kurz ablenken: Ein Typ mit Kettensäge schnitzt ein „H S V“ aus einem Holzstamm, schafft es aber nicht ganz, weil die Mannschaften schon wieder den Rasen betreten. Ich überlege, heute nicht 90 Minuten zu gucken, weil das Ding hier eh gelaufen ist und wir auch nicht lockere 500 km zu fahren haben. Naja, wenn wir vielleicht schnell den Anschluss schaffen (Aber wer bloss???) gibt es ja noch eine Chance. Anschluss? Chance? In Minute 51 köpft Meira nach einer Ecke das 0:4. Das ist das vierte Kopfballgegentor an diesem Nachmittag! Jetzt ist das Thema durch. Maltes Wunsch hat sich erfüllt, er kann sich entspannt zurück lehnen... Der Drops ist gelutscht, die Kirsche gefrühstückt. In Minute 60 sage ich zu Julie: „Komm, wir gehen“ und verabschiede mich. Völlig zu recht bekomme ich natürlich böse Blicke von Malte und Groni und auch Kommentare! Sie haben ja recht: Man kehrt seinem Team nicht den Rücken zu! In der Ehe heisst es: Wie in guten, so in schlechten Zeiten! Mit deinem Verein ist es vielleicht noch schlimmer. Man lässt sie nicht alleine. Aber ich kann hier nicht erkennen, wo und vor allem wer das Wunder noch herbeiführen soll. Und wenn ich wenigstens Julie glücklich machen kann, dass sie 30 Minuten früher bei ihren Eltern ist, scheint mir das die richtige Entscheidung! Wir steigen die Stufen zum Ausgang empor und ich sehe in eine menge leere, zweifelnde Gesichter. Ich sehe Manu, und er wirft mir nur einen Blick zu, der mir sagen soll: Ich weiss auch nicht, was da unten vor sich geht. Wir verlassen das Stadion und sind nicht die einzigen. Als wir gerade den Parkplatz erreichen hören wir Jubel. Aber es ist schon schwer, den Jubel von ausserhalb des Stadions zu definieren: Elfer? Tor? Rot für Stuttgart? Oder doch nur ein Balljunge, der ausgerutscht ist? Als ich aber Marek höre, der den Torschützen David Jarolim verkündet, bereue ich es, das Stadion vorzeitig verlassen zu haben. Erstens: Ich gucke 34 Spiele, kann aber jetzt nicht behaupten, alle HSV Tore live gesehen zu haben. Und zweitens: Wann sieht man schon mal ein Tor von Mr. Anti-Torgefahr? Naja, ich kann es eh nicht mehr ändern. Wenig später auf der Autobahn verkündet NDR2 in ihrer typischen Art: „Tor in Hamburg...Ivica Olic hat getroffen! Wird es nochmal spannenend?“ Jetzt bin ich fast sauer! Wenn wir noch die Sensation schaffen, werde ich mir das niemals verzeihen! Ganz zu schweigen davon, dass ich mir bis an mein Lebensende dumme Sprüche anhören darf...und das völlig zu recht! Während wir den Elbtunnel hinter uns lassen bin ich schon etwas nervös. Sabine Töpperwien verkündet das 2:0 von Kuranyi gegen Gladbach. Mainz erzielt das 1:2 und fängt sich später das 2:2 und 3:2 gegen Wolfsburg. Frankfurt verliert 1:3 gegen Cottbus...aber aus Hamburg wird sich nicht mehr gemeldet. Es bleibt also beim 2:4! 4 ½ Stunden später sind wir bei Julies Eltern, die sich sehr über die frühe Ankunft freuen. Ich habe mich wieder gefasst und bin froh, dass ich wenigstens diese Menschen durch 30 Minuten weniger Fussball glücklich machen konnte. Freitag ist Gladbach. Wenn wir das nicht gewinnen...dann gute Nacht.