Frühjahrsmüdigkeit: Unter der Frühjahrsmüdigkeit versteht man eine verringerte Leistungsbereitschaft und Mattigkeit, die viele Menschen im Frühling erleben. Es handelt sich hierbei nicht um eine Krankheit im eigentlichen Sinne, sondern um eine durch den Jahreszeitenwechsel hervorgerufene Erscheinung. Die Symptome treten meist ab Anfang März bis Mitte April auf und sind bei den Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Am häufigsten treten Müdigkeit (trotz ausreichender Schlafdauer), Wetterfühligkeit, Schwindelgefühl, Kreislaufschwäche, Gereiztheit, Kopfschmerzen, z. T. Gliederschmerzen und Antriebslosigkeit auf.
Sonntag, 11.03.2007. Das Jahr hält den ersten wirklich schönen Tag bereit. Sonnenschein, keine Wolke am Himmel und ein Heimspiel gegen Bayer Leverkusen. Dazu noch ein gemütlicher Brunch unter Freunden. Die UCH hatte sich mit ihren Frauen zum Brunchen im Hadeley’s Nähe Schlump verabredet. Wenn ich mich recht erinnere, hatte beim Hinspiel (übrigens auch ein Sonntag) ebenfalls die Sonne geschien. Konnte ja kaum noch was schief gehen, oder? Weit gefehlt! Gestern hatten mal wieder alle gegen uns gespielt. Bochum gewonnen, Gladbach gewonnen, Aachen gewonnen, Mainz gewonnen und Wolfsburg holte einen Punkt in Stuttgart. Zum Glück hängt ja die halbe Liga im Abstiegskampf, so dass logischer Weise auch Mannschaften verlieren mussten. Diese hiessen: Dortmund (Willkommen im Existenzkampf!), Bielefeld und Cottbus. Wir treffen uns also zum Frühstück, oder Neu-Deutsch Brunchen (ja ich weiss, ist nicht das Gleiche!!!) und sind alle gut aufgelegt. Die Mienen verfinstern sich nur, als das Thema Fussball und insbesondere das heutige Spiel zur Sprache kommt. Wir müssen heute gewinnen, um uns weiter Luft zu verschaffen. Man stelle sich nur mal vor, wir hätten nicht bei den Meisterschaftskandidaten Bremen und Schalke gewonnen...dann wären wir jetzt schon abgeschlagen Letzter. Und so verfliegt die Zeit von 11:00h bis ca. 13:15h und wir machen uns auf den Weg Richtung Norderstedt. Kim fährt direkt nach Hause und Julie lassen wir bei mir raus. Später noch Groni’s Nina in Norderstedt. Jetzt sind wir Männer wieder unter uns und der Hebel im Gehirn wird umgelegt. Kurzer Anruf bei Tim:“ Wir wollen noch Pokern und Havana Club trinken!“ „Ihr seid ja verrückt!“ entgegnet Tim nur. Wir treffen bei Tim auf einen bereits präparierten Spieltisch. Nur Havana Club hatte er leider nicht zu bieten. Daher haben Malte und ich uns mit Apfelsaft/Wodka zufrieden gegeben. Man nimmt, was man kriegt. Wenig später kommt noch ein Kollege von Tim, der ihm noch eine Karte fürs Spiel besorgt hatte. Um 14:30h setzen wir unsere Reise Richtung Volkspark fort, obwohl es diesmal beim Poker gar nicht sooo schlecht für mich aussah. Naja, war ja auch nur Spielgeld! Groni bringt uns ohne grössere Vorkommnisse mit V-Max von 95 km/h (mehr ging nicht, bei 5 Mann Besatzung) zum Volkspark. Dort angekommen, bemühen wir uns sofort, unsere Tradition aufrecht zu erhalten: Bier trinken an Uwe’s Fuss. Immer noch ungeschlagen mit dieser Taktik! So vergeht die Zeit bis 16:00h wiederum ohne Vorkommnisse. Der eine oder andere Leser wird sich gefragt haben, warum ich meinen Bericht mit der Definition von Frühjahrsmüdigkeit begonnen habe. Hier an Uwe’s Fuss fällt es mir das erste Mal auf: Es ist für 60 Minuten vor Kick off verdammt ruhig. Kein Gebrüll, keine Horden von Besoffenen. Alles in einem geordneten Rahmen. Und auch Groni und ich stellen bei uns eine gewisse Antriebslosigkeit fest. Irgendwie liegt ein Schleier über der Arena und es ist fast schon beängstigend. Als wir vor den Drehkreuzen stehen ist es sogar so leise, dass man denken könnte, hier findet gleich kein Fussballspiel statt, sondern eine Beerdigung. Und dabei sind schon genug Menschen um uns herum. Sicher, es ist Sonntag und da neigt ein normaler Mensch (wie ich z.B.) nicht zu übermässigem Alkoholkonsum. Aber dennoch ist es merkwürdig. Im Übrigen schmeckt mir das Bier heute nicht besonders. Mag an der Erkältung liegen, die bei mir schon seit Tagen wütet. Dennoch nehme ich mit den Jungs noch ein eben angesprochenes Getränk vorm Supporters Stand ein. Um ca. 16:30h betreten wir den heiligen Gral. Spätestens jetzt fällt mir ein, dass wenn ich schon so müde und kraftlos bin, hoffentlich unsere Kicker es nicht sind! Es ist halt manchmal doch nicht so einfach, Bundesligaprofi zu sein. Es war immer mein Traum, Fussballprofi zu werden aber heute zum Beispiel hätte ich ein Bett dem grünen Rasen vorgezogen. Der Leverkusener Auswärtsbereich bietet ein trauriges Bild. Vielleicht 500 Mitgereiste. Es ist und bleibt halt ein Plastikclub mit 0 Ausstrahlung! Einzig die Mannschaft weiss seit Jahren zu überzeugen und gehört auch heute wahrscheinlich zu den spielstärksten der Liga. Bei der Mannschaftsaufstellung wird der Name Barbarez übrigens von der Nordtribüne gefeiert. Er hat halt nicht den Status eines van Buyten. Jeder weiss, dass er am liebsten geblieben wäre, die Umstände es aber nicht zuliessen. Und so bekommt man halt einen roten Teppich ausgerollt, wenn man wieder „nach Hause“ kommt. Stevens muss heute auf 4 Positionen umstellen: Demel (Herzbeutelentzündung), Jarolim (Gelbsperre), Abel (Muskelverletzung) und Trochowski wurden von Wicky, de Jong, Benjamin und Mahdavikia ersetzt. War ja wieder eine heisse Woche. Beinahe jeden Tag eine neue Hiobsbotschaft. Einzig van der Vaart konnte fit werden und so heisst die „starting eleven“: F. Rost, Benjamin, Reinhardt, Mathijsen , Atouba, Wicky, de Jong, Mahdavikia, Laas, van der Vaart, Olic. Vorm Anpfiff gibt es noch eine Choreo: „In Dubio pro Raute!“ heisst es da. Konnte man Raute denn nun nicht auch noch übersetzen? Die ersten Minuten sind geprägt von gegenseitigem Respekt der beiden Mannschaften, die jeweils ihre Serie nicht reissen lassen wollen. HSV mit 4 Siegen, Leverkusen mit 2 Siegen in Folge. Die erste Chance dann nach 15 Minuten durch Laas, doch Adler, der Butt schon vor Wochen auf die Bank befördert hatte, kann zu Ecke klären. 3 Minuten später wieder Laas gegen Adler: Van der Vaart hat Platz im Werksstrafraum und bedient links Laas, der zieht ab, aber Adler kann den Ball noch an den Pfosten lenken. Zum ersten Mal geht ein Raunen durchs Stadion. Das hätte es sein können. Bis hier sieht es echt nicht schlecht aus. HSV bemüht nach vorne, Leverkusen für ihre Möglichkeiten zu passiv. Aber nach 21 Minuten lassen die Pillendreher ihr können aufblitzen: Barnetta flankt auf Freier und der zieht gleich ab. Rost kann das Ding aber entschärfen. Hm, wird wohl doch kein Spaziergang! Danach passiert nicht mehr viel. Leider kam von uns nach dem Pfostenschuss gar nichts mehr. Das muss besser werden in Halbzeit zwei. In der Halbzeitpause gibt es noch ein Spielchen auf dem Rasen. Sponsor Holsten hatte geladen: Welches Team es vom Strafraum schafft, den Ball am dichtesten zur Fahne am Mittelpunkt zu schiessen, gewinnt. Ihr seht schon: Es ist wirklich nicht viel passiert, sonst würde ich sowas gar nicht erzählen. Erzählenswert ist aber der Preis, den es zu gewinnen gab. Das Gewinner Team hatte 45 (!!!) Kästen Bier gewonnen. Ich wüsste gar nicht, wo ich die lagern soll. Lars hingegen kann die wohl in einer Woche an Holsten leer retour gehen lassen! Simon ist heute der Dino. Man sieht diese wandelnde Gelddruckmaschine mit anderen Augen, wenn da jemand drin steckt, den man kennt. Die Mannschaften betreten das Feld zur zweiten Halbzeit. Es werden jetzt vermehrt Plakate nach dem Motto „Welcome Back, Sergeij!“ hoch gehalten. Die zweite Hälfte beginnt. Erstes Highlight sollte sich allerdings nicht auf unserem grünen Rasen abspielen, sondern ca. 800 km weiter südlich. Dort hatte Rosenberg für Werder zum 1:1 gegen die Bayern getroffen, was zum einen wahren Jubelausbruch auf den Rängen unseres Stadions führte. Manchmal glaube ich, ich bin im falschen Film. Bei „Wer nicht hüpft, der ist ein Bremer“ sind alle am Start. Aber wenn diese Arschgeigen in München den Ausgleich machen, jubeln alle. Verstehen soll das, wer will. Ich kann es nicht. Eigentlich wird es bei uns erst so richtig in Minute 71. interessant. Wie schon des Öfteren heute erwähnt, war alles in einer gewissen Lethargie an diesem Nachmittag. Herbert Fandel kannte aber einen Trick, auf einen Schlag 55000 aus eben dieser zu befreien: Olic hatte sich auf der linken Leverkusener Seite durchgesetzt und war nun im Begriff zu Flanken, als Haggui der Ball an die Hand springt. Ein Pfiff, ein Fingerzeig und wir hatten einen Elfer. Plötzlich ist nichts mehr zu spüren von der Müdigkeit und mein Herz hüpft gerade zu vor Entzückung! Geil, 5 x van der Vaart zum 1:0...das ist Rekordverdächtig. Ich denke gar nicht daran, dass er verschiessen könnte. Ich habe noch nie einen Spieler mit einer solch perfekten Schusstechnik gesehen, der dazu noch scheinbar eiskalt vor des Gegners Tor ist. Also, Raffi schnappt sich den Ball. Fandel muss sich noch gegen eine Horde von pöpelnden Leverkusenern durchsetzen. Ich blicke kurz nach links auf die Haupt-, danach auf die Westtribüne. Hier sitzt keiner mehr. Geiles Bild. Adler geht in sein Tor. Jetzt muss Raffi auf die 10000 Stehplätze schiessen. Ich würde mir wohl vor Angst ins Trikot machen. Fandel gibt den Ball frei, Rafael läuft an. 3,4 kurze Schritte, dann schiesst er den Ball. Aber er geht nicht wie sonst links oder rechts unhaltbar in die Ecke. Er geht flach, halb links aus unserer Perspektive. Adler hat kaum Mühe, den Ball mit seinen Schienbeinen zu parieren. Es ist passiert. Wir sind Zeugen des nicht für möglich gehaltenen: Rafael van der Vaart verschiesst einen Elfer. Es bleibt beim 0:0! Oh nein, gibt es das? Was hat das für Konsequenzen? Offensichtlich ist der kleine Engel doch ein Mensch aus Fleisch und Blut mit Nerven. Ich schaue auf ihn herab. Er steht da am Elfmeterpunkt und kann es selber nicht fassen. Ich glaube, er würde jetzt gern tot umfallen. Aber das ist ihm nicht vergönnt. Mir schiessen viele Fragen durch den Kopf: Kann eine solche Aktion einen wie ihn nachhaltig beeinträchtigen? Was ist, wenn er das nächste Mal allein auf einen Torwart zu läuft wie in Bremen oder Schalke? Wird er dann nachdenken? Wir er ins Grübeln kommen? Wird das vielleicht ein Riss in unser komplettes Spiel bringen? Immerhin war es van der Vaart, der in den letzten Wochen der überragende Mann war. Wenn der jetzt ins trudeln kommt, könnte das nicht nur die Mannschaft, sondern den ganzen Verein samt Fans runter ziehen. Aber wir wollen hier mal nicht den Teufel an die Wand malen! Er ist 24, Kapitän einer Bundesligamannschaft, Ehemann, Vater, Nationalspieler, mein Idol. Wenn ihn so was fertig machen würde, hätte er es nicht jetzt schon so weit geschafft! Für heute ist aber Feierabend. Der HSV bekommt nichts mehr hin und kann sich nur noch bei Rost und Benjamin bedanken, die jeweils Weltklasse Rettungsaktionen vollbringen. Leverkusen wurde immer Stärker, konnte den Ball aber nicht mehr in unserem Tor unterbringen. So muss man einfach nach dem Abpfiff mit dem Punkt zufrieden sein, auch, wenn man einen Pfostenschuss und einen Elfer hatte. Wer weiss, wozu dieser Punkt noch gut ist. Angst machen mir allerdings die nächsten Spiele. Nicht etwa Bayern oder Stuttgart, sondern unsere Angstgegner Hannover (A) und Wolfsburg (H) heissen sie. Gegen die haben wir in den letzten Jahren nie gut ausgesehen. Und wenn sich dieser Trend fortsetzt, dann haben wir zwar 4 Siege in Folge geholt, aber bald 3 Spiele nicht gewonnen. Und dann kann sich jeder ausrechnen, wo wir dann stehen! Malte, Tim und ich treten die Rückreise per Bahn an. Der Hamburger Nahverkehr blamiert sich mal wieder so gut er kann, weil irgendwo zwischen Hauptbahnhof und Sternschanze die Stromversorgung zusammen gebrochen ist. Komisch, dass das immer passiert, wenn Zigtausend Menschen vom Fussball nach Hause wollen. Und so geht der erste sonnige aber müde und antriebslose Sonntag in 2007 unentschieden zu ende.
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