Wolfsburg zuhause
Fussballfan zu sein, bedeutet auch immer, Kompromisse einzugehen. Vor allem heisst es aber, Verständnis bei denjenigen zu wecken, die sich nicht für Fussball interessieren. So wie Julie zum Beispiel. Als wir vor knapp 17 Monaten zusammen gekommen sind, wusste sie, dass beim Fussball der Ball ins Tor muss. Das war’s. Heute ist sie Mitglied im HSV Supporters Club und stöbert regelmässig den Videotext ab Seite 200 durch, ob es irgendwelche News bezüglich HSV gibt. Dennoch stellt das Auswärtsspiel in 2 Wochen in Gladbach unsere Beziehung auf eine Probe. Sie hat am 13.04. Geburtstag und ich werde knapp 500 Km vom Vogtland nach Gladbach und zurück fahren. Das ist nicht selbstverständlich, dass sie das so ohne zu murren hinnimmt. Ich hätte halt schon so viel geschafft, da wäre es doch doof, jetzt deswegen die 34 Spiele Saison sausen zu lassen, hatte sie gesagt. Hier wird also der Fussball vor das Privatleben als solches gestellt. Als an diesem Sonntag Mittag aber das Telefon klingelt, frage ich mich wenig später schon, wie wichtig der Fussball und diese Saison wirklich sind. Meine Oma war am Donnerstag ins Krankenhaus gekommen. Ich habe das für Routine gehalten, soweit eine Überweisung ins Krankenhaus wirklich Routine ist. Jetzt erzählt mir meine Mutter aber etwas von Blutarmut, Operation und anderen Dingen, die man nicht über Familienangehörige im Krankenhaus hören möchte. Ich komme ins Grübeln, ob dass, was ich hier tue nicht völlig banal ist und ich mich nicht lieber ins Auto setzen solle, um meine kranke Oma zu besuchen, anstatt mir das Spiel gegen Wolfsburg anzugucken. Wie ihr wisst, habe ich es nicht getan, aber war das o.k.? Julies Geburtstag ist etwas, dass noch oft wieder kommt. Oma liegt im Krankenhaus und ich weiss nicht wirklich, wie es um sie steht. Darf man so trennen? Ich ziehe ein Fussballspiel einem Geburtstag und einem Besuch eines kranken Familienmitgliedes vor. So richtig gut fühle ich mit dabei nicht.
Um 13:15h treffe ich mich mit Tim Ohlsdorf. Um 14:00h wollen wir uns mit Groni und Simon HSV Rugby im Stadtpark anschauen. Steven hatte es also endgültig geschafft: Seine ständiges Gebettel, wir sollten uns doch mal ein Spiel angucken, war erfolgreich. Wir trafen gegen 13:30h dann in Barmbek auf Groni, der einen ziemlich gelösten Eindruck machte. Irgendwie konnte der Eindruck entstehen, er hätte seine Diplomarbeit fertig gestellt. Aber dem war nicht so. Heute war einfach nur gutes Wetter, gute Laune, HSV und Bier angesagt. So soll es sein. Um kurz vor 14:00h treffen wir Simon auf der Sportanlage Saarlandstrasse. Steven ist natürlich auch dort. Er kann wegen einer Schulterverletzung nicht spielen. Ist auch ganz gut so. so haben wir wenigstens einen, der uns in die manchmal nicht leichte Regelkunde des Rugby einweihen kann. Steven, es tut mir wirklich leid. Aber ich konnte die Schönheit des Spiels in der ersten Halbzeit nicht entdecken. Ich hoffe, du nimmst es mir nicht zu übel. Vielleicht fehlte mir auch einfach nur das nötige Hintergrundwissen über das Getümmel oder die Hebefiguren beim Einwurf. Vielleicht war es aber auch der fertige Typ, der mit einem St.Pauli Rugby Cap Groni und mir Bier verkaufte. Ich bin aber gern bereit, mir irgendwann mal wieder ein Spiel anzugucken. Versprochen! Wir verlassen also zur Halbzeit (ich glaube, Halbzeitstand 40:0 gegen HSV) die Anlage und wollen unsere rampunierten Figuren weiter pflegen, indem wir beschliessen, auch ohne Hunger, uns einen Döner an der U-Bahnstation Borgweg zu genehmigen. Auf dem Weg dort hin über die grosse Wiese des Stadtparks werden die bevorstehenden Touren schon mal besprochen. Besonders fällt dabei auf, dass Tim wohl nichts mehr davon weiss, dass er vergangenen Samstag nach reichlich Havana Club wohl versprochen hatte, Fernseher, Playse und entsprechendes Equipment für die München Tour zu besorgen. Letzten Samstag hatten sich die Jungs nämlich mal wieder zum Pokern versammelt, und Tim hatte dabei genauso viel Getränk zu sich genommen, wie Malte und Groni. Leider wiegt der Mann aber deutlich weniger, so dass die Ausfallerscheinungen jetzt spätestens richtig deutlich wurden. Laut Groni hatte Tim versprochen, ALLES aber auch wirklich ALLES bei der München Tour zu organisieren. Tim wusste aber von all dem nichts mehr und versprach uns nun, 30 Kg zu zunehmen, damit so was nicht wieder passiert. Weltklasse, wie Steven sagen würde. Dazu hatte er auch gleich Gelegenheit, denn wie eben schon angedroht steuerten wir die Dönerbude Borgweg an. Hier nun aber der nächste, typische Charakterzug von Tim. Wenn jeman konsequent ist, dann ist es Herr Westpahl. Und das erst recht, wenn es um das Thema Geld geht. Groni bestellt sich einen Döner für 3,50 Euro. Tim aber bestellt keinen mit der Begründung, er würde niemals mehr als 3,20 Euro für einen Döner ausgeben. Später verrät er uns sogar, dass er auch für 3,25 keinen gekauft hätte. Das ist mein Tim, der eine ganze Reisegruppe in Rostock stundenlang nervt, weil ihm 5 Euro abhanden gekommen sind. Wir treffen hier am Borgweg noch einen Kollegen von Groni. Leider kann ich jetzt schon nicht mehr das Verhältnis, in dem die beiden zueinander stehen, wieder geben. Ich glaube, es ist eher geschäftlich... Mit der Bahn geht es nun gut gestärkt (wie gesagt, Hunger hatten wir nicht) mit der U3 Richtung Sternschanze. Das Bier schmeckt gut, die Stimmung ist gelöst und ich vergesse für einen Moment, dass wir heute gegen einen Angstgegner spielen. Die Ergebnisse vom Freitag und Samstag lassen uns hoffen, heute einen entscheidenden Schritt raus aus dem Keller zu machen. Dortmund verloren, Mainz verloren, Aachen verloren, Frankfurt und Gladbach nur unentschieden und Cottbus kann gegen Bremen nicht gewinnen. Eigentlich alles sehr gut gelaufen. Wenn wir heute gewinnen, ziehen wir an Wolfsburg vorbei und Platz 10 ist drin. Nebenbei noch der Platz an der Sonne in der Rückrundentabelle. So führt uns die Reise vorbei an der Sternschanze nach Eidelstedt. Hier ist mittlerweile das komplette Chaos im Puncto Dauerbaustelle ausgebrochen, so dass es nur sehr langsam voran geht. Die Massen schieben sich aus dem Bahnhof vorbei an der Bierbude mit der schlechten Musik, aber dem günstigen Bier. Es sit übrigens traumhaftes Wetter. Darum können wir auch unseren neunen Polos präsentieren. Sehen echt gut aus! Vorne das UCH Logo mit Raute, im Nacken „Upper Class Hamburg“. Wären doch die Dinger nur nicht so teuer gewesen... Aber Individualität hat nun mal ihren Preis. Wir kommen langsam dem Stadion immer Näher und sind schliesslich bei der letzten Bude ausserhalb des Aramark Wahnsinns. Das hier nun Tim ein völlig überteuertes Bier für 2,50 Euro kauft sei nur am Rande erwähnt. Offensichtlich ist die Schmerzgrenze bei Bier deutlich höher als bei Döner. Malte ruft völlig genervt an. Wo wir denn bleiben würden, er wäre schon lange am Fuss. Das stimmt wahrscheinlich sogar, denn als wir ihn treffen ist sein 0,5 L Becher Astra gut geleert. Es ist 16:20h und wir sind zu spät, um wirklich noch einen guten Platz für unser Banner zu bekommen. Also beschliessen wir noch etwas über Pro und Contra des verkaufoffenen Sonntags zu fachsimpeln. Malte wusste wieder mit guten Geschichten zu gefallen und bei mir zeigt der nächste Halbe langsam Wirkung. Gegen 16:40h stellen wir uns an. Es ist sehr voll heute. Mal wieder ausverkauft? Wann haben wir im alten Volkspark mal ein ausverkauftes Stadion gehabt? Ich kann mich dran erinnern, dass Spiele gegen Bayern nicht ausverkauft waren. Und nun ziehen Gegner wie Frankfurt oder Wolfsburg die Massen vom Sofa! Und es kann ja wohl kaum am sportlichen Erfolg liegen... Im Stadion kann ich endlich mal der Versuchung widerstehen, 3,50 für Bier zu bezahlen und so eilen wir schnellstens auf unsere Plätze, gerade noch pünktlich zu Lottos Hymne. Meine grösste Sorge war, dass van der Vaart, der sich einen Zerrung bei der Nationalmannschaft zugezogen hatte, nicht hätte spielen können. Aber diese war genauso unbegründet wie die, dass Stevens das Spiel am Radio verfolgen sollte. Stevens, dessen Frau in Holland im Koma lag, war extra wegen dem Spiel nach Hamburg gereist. Das war schon heftig. Nun bot er folgendes Team auf: Rost, Benjamin, Reinhardt, Mathijsen, Atouba, Jarolim, de Jong, Mahdavikia, Ben-Hatira, van der Vaart, Sanogo. Jarolim präsentierte sich mit Glatze und Groni und ich philosophierten darüber, ob das vielleicht der wahre Wetteinsatz zwischen Trochowski und Jarolim gewesen war. Und nicht nur ein schäbiges Essen für den Gewinner zwischen Tschechien – Deutschland. Ben-Hatira in der Anfangsformation. Warum nicht? Sanogo oder Olic? Ist eh egal. Können beide nichts. Im Grunde könnte man da auch mich hin stellen...Das Resultat wäre das Gleiche. Hoffentlich hat Beiersdorfer im blick auf die neue Saison da schon jemanden in der Hinterhand. Das Spiel beginnt und die Mannschaft zeigt sofort, dass sie hier heute was reissen will. Allen voran Ben-Hatira, der ein ums andere Mal die Massen in Staunen versetzt, wenn er zu seinen Dribblings ansetzt. Die erste Chance hat aber Reinhardt, der in Minute 7 nur knapp per Kopf scheitert. 3 minuten später ist es Sanogo, der von links gefühlvoll flankt, Mahdavikia aber so überrascht ist, dass er an den Ball kommt, dass er selbigen mit dem Kopf aus einem Meter über das Gehäuse zieht. Schade! Weitere 4 Minuten später startet er aber einen guten Sololauf, passt auf van der Vaart, aber der kleine Engel verzieht knapp. Man könnte glatt denken, dass Mehdi hier ein Bewerbungsspiel für den VfL abliefert. Dieser hatte ja Interesse an ihm bekundet. Malte, Groni und ich geben übrigens ein sehr cooles Bild mit unseren neuen Polos ab. Da sitzen jetzt drei Typen in 25 B mit Upper Class Hamburg im Nacken. Hoffentlich folgen noch weitere. Wir spielen also gut. Von Marcelinho ist dank de Jong nichts zu sehen und Rost bekommt in den ersten 45 Minuten keinen Ball zu halten. In Minute 22 schlägt Atouba einen weiten Ball über van der Vaart hinweg in dessen Lauf. Er ist markiert von zwei Wolfsburgern. Für mich ist die Szene bereits gelaufen, weil er schon zu weit nach links ist. Aber Raffi wäre ja nicht Raffi wenn ihm aus vollem Lauf nicht plötzlich ein Heber gelingt, der auf die Latte klatscht! Oh Mann, da hätte Jentzsch aber ein dummes Gesicht gemacht. Kurz vor der Halbzeit hat Sanogo noch eine Kopfballchance nach einer Mahdavikia Ecke, aber der Ball streicht knapp am Winkel vorbei. Halbzeit! Eigentlich fehlt nur ein Tor, dann wäre nichts auszusetzen. Ich habe in dieser Saison zu oft eine gute und dann eine schlechte Halbzeit vom HSV gesehen, als das ich jetzt glauben könnte, es ginge so weiter. Aber weit gefehlt. Minute 49. Jarolim spielt von weit rechts den Ball zwischen zwei Wolfsburgern hindurch, so dass van der Vaart plötzlich völlig frei im Strafraum vor Jentzsch steht. So frei ist er vermutlich sonst nicht mal im Training. Er hat jetzt zwei möglichkeiten: 1. Abspielen auf Sanogo. 2. Selber schiessen. Er entscheidet sich (völlig zurecht) für zweiteres. Der Ball knallt gegen den Pfosten und das plingen vom Aluminium ist bis unters Dach zu hören. Scheisse!!!! Jetzt muss aber langsam mal einer rein! Sonst rächt sich das. Und dann ist es auch fast soweit. 5 Minuten später fast sich Santana, nein nicht seine Gitarre, sondern ein Herz und der Ball knallt abgefälscht gegen die Querlatte von Rost’s Gehäuse. Nur zur Erinnerung: Unser Keeper musste immer noch keinen Ball halten. Das wär’s ja gewesen. Es folgt die 60. Minute in der van der Vaart mal wieder beweist, warum er an guten Tagen zu den besten Spielern Europas gehört. Sanogo mal wieder auf dem Flügel (was macht der da so häufig???) passt zu Mahdavikia in die Mitte. Er spielt schnell auf Raffi und der Weltklasse mit einem Absatzkick zu Jarolim. Wenn dieser nun noch Torjägerqualitäten hätte, wären wir wohl Zeuge eines Tores der Woche. Aber nein, er vergibt freistehend vor Jentzsch auf 6 Metern. Der Keeper der Niedersachsen kann den Ball aber nur in die Mitte abwehren, wo Mahdavikia goldrichtig steht und den Ball ins Leere Tor schiebt. 1:0! Das hatte richtig was mit Fussball zu tun. Ich aber ärgere mich immer noch über Jarolim, der ihn nicht gleich verwandelt! Was jetzt kommt, ist typisch HSV. Anstatt weiter auf die Entscheidung zu drücken und noch ein Tor nachzuschieben, wird jegliche Offensivbemühung eingestellt. Und so haben Marcelinho und Klimowicz noch gute möglichkeiten auf den völlig unverdienten Ausgleich. Erst als der Schlusspfiff ertönt können die 57.000 durchatmen. Oh Mann, HSV. Gegen Stuttgart nächste Woche wird sowas mit Sicherheit bestraft. Danach ist mir nicht nach Feiern zu mute. Die Nordtribüne feiert ihre Helden und sich selbst. Van der Vaart wirft sein Trikot einer Frau auf der West zu. Abends im DSF erkenne ich, dass diese Tussi ein Rahn Trikot anhat! Herzlichen Glückwunsch! Manchmal ist mein Platz halt doch nicht der Beste im Stadion. Aber vielleicht kann ich ja auswärts mal sein Trikot fangen. Das wäre Klasse!
Wir sind jetzt im nicht-gesicherten Mittelfeld. 3 Punkte vor einem Abstiegsplatz. Aber die Big Points (Mainz, Bochum, Aachen zuhause und Gladbach auswärts) kommen ja noch. Da müssen wir den Sack endgültig zu machen. Wir nehmen heute den Shuttle um dem Chaos Eidelstedt zu entkommen. Im Grunde wäre die Rückfahrt nach Fuhlsbüttel völlig belanglos gewesen, wenn wir nicht Sternschanze noch Wilhelm getroffen hätte. Dieser überredete uns prompt zu einem Bier im Machwitz.
Wilhelm erzählt von seinem neuen Job als Libero in der dritten Herren des anderen Vereins. Schon witzig. Er spielt für die, und trotzdem kann ich ihn gut leiden. Mittwoch ist Amateurderby. Naja, nicht ganz. Unsere Amateure gegen deren Profis. Vielleicht gucke ich mir das sogar an. Aber im Grunde gilt: Solange unsere zweite, gegen deren erste spielt, haben wir schon gewonnen, bevor angepfiffen wurde! Zu guter Letzt noch ein Hinweis: Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten...

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