Es ist Freitag Nachmittag 16:15h. Wieder liegt eine Arbeitswoche hinter mir und ich lehne an der Fensterbank unseres neunen Büros. Das letzte Auswärtsspiel liegt an: Nürnberg. Ich schaue aus dem Fenster und sehe grau in grau. Es regnet Bindfäden. So eine Scheisse, wir wollten doch auf dem Campingplatz grillen und so richtig die Sau raus lassen. Naja, die Sau können wir auch im gemieteten Caravan rauslassen. Aber trocken wäre trotzdem besser...zumindest für den Fahrer. Ich blicke hinaus, weil ich den Rest der Reisegruppe sehnsüchtig erwarte. Ich kann es nicht erwarten, von diesem freudlosen Fleckchen Erde weg zu kommen. Nun ist es schon 16:30h. Wo bleiben die denn? Malte hat am Telefon gesagt, dass Sie um 16:00h am Flughafen los gefahren sind. Und er hat mir eine Überraschung versprochen. Da bin ich ja mal gespannt. Haben wir eine Zapfanlage an Bord? Oder fährt Rafael van der Vaart heute bei uns mit anstatt im Mannschaftsbus? Jetzt sehe ich einen grossen VW in die Strasse einbiegen. Ich erkenne Groni, der nach einen Parkplatz sucht. Hm...hatten wir nicht einen Sharan oder Galaxy bestellt? Das hier ist ein Multivan! Eine Nummer zu gross, würde ich sagen. Mein Computer ist schon lange aus und so schnappe ich mir nur meine Jacke und weise Julie an, bitte mit runter zu kommen. Sie muss schliesslich heute allein mit dem Auto nach Hause und ich muss noch den ganzen Schnaps und meine Sachen aus dem Auto holen. Als ich unten auf dem Parkplatz ankomme ist keine Spur mehr von den Jungs. Ich rufe Malte an und der erzählt mir, dass sie aufs Gelände gefahren sind und nun vorm Imbiss stehen. Tolles Sicherheitslager! Der Van hätte jetzt auch mit 200 Kg TNT und einem Selbstmordattentäter von Al-Qaida bestückt sein können und niemanden hätte es interessiert! Groni lenkt das Schlachtschiff nun auf den Parkplatz, ich verabschiede mich von Julie und werde ab jetzt die nächsten 12 Stunden (Hin- und Rückfahrt) nicht mehr aus dem Staunen heraus kommen. Tim, Wilhelm, Steven, Malte, MP und Groni als Fahrer haben es sich schon gemütlich gemacht. Mir wird berichtet, dass unsere gebuchte Kategorie am Flughafen nicht mehr verfügbar war. Und so musste man uns „leider“ eine Grössere zur Verfügung stellen. An Gronis stelle würde ich mich deswegen noch beschweren...! Den, den wir jetzt haben, ist aber auch sehr nett. Das Auto ist Anfang Mai 2007 erst zugelassen worden und hat knapp 60 km auf dem Tacho. Komplett in Silber gehalten wirkt der Multivan sehr sportlich von aussen. Innen sind noch die Schutzfolien auf den Trittblechen und im Innenraum. Die Sitzbezüge sind aus Leder, Navi und Klimaanlage sind auch am Start. Groni und Peiner bilden das Cockpit. Mit dem Rücken in Fahrtrichtung sitzen dann Steven und Malte dahinter. Die Lümmel von der letzten Bank sind dann Tim, Wilhelm und ich. Echt geiles Ding, was wir hier bekommen haben, um mal die Satire raus zu lassen. Wir fahren auf die Autobahn und es regnet immer noch in Strömen. Die Stimmung ist, wie immer, sehr gut. Die ersten Biere gehen auf und wir harren gespannt der Dinge, die da auf uns zukommen. Als Marschverpflegung sind heute viele bekannte Getränke an Bord: Jeweils eine Flasche Pernod, Russian Standard Wodka, Absolut Wodka, Southern Comfort, Sambuca und eine Kiste Bier. Letztere wird bald umfunktioniert zum Pokertisch, in dem wir den Teil, wo sonst die Flaschen drin stehen mit einem Büdel auslegen und somit sogar „Wände“ haben, damit in Kurven nicht immer die Chips vom Tisch rutschen. Weltklasse! Dazu müssen wir uns auf der ersten Autobahnraststätte zwar der Flaschen entledigen, aber wir müssen hier jetzt einfach Prioritäten setzen. Und so nimmt des Schicksal seinen Lauf und der Mythos von Marcel Ich-gewinne-nur-unwichtige-Pokerspiele Druve wird geboren. In den nächsten Stunden spiele ich nämlich ausnahmsweise echt gutes Poker (natürlich auch immer versehen mit einer ordentlichen Portion Glück) und gewinne schliesslich gegen Tim im Finale. Leider war kein Geld im Spiel und so bleibt mir nur die Erkenntnis, dass ich vielleicht doch gar nicht so ein katastrophaler Spieler bin. So viel vorweg: Diese Meinung habe ich heute am Sonntagabend nicht mehr...! Ich glaube, wir kommen ganz gut voran. Immerhin stehen wir nie im Stau. Aber wo wir sind kann ich nicht wirklich einschätzen. Die Atmosphäre ist eher wie in einem kleinen Wohnzimmer als wie in einem Auto. Gegen 21h (glaube ich) erreichen wir Kirchheim. Eine Oase an der BAB 7 mit Burger King, McDo, Tankstellen, Rewe etc. Und hier ist auch unser Campingplatz, den wir dank dem Navi und natürlich dem ausgezeichneten Pilot sowie Co-Pilot ohne Probleme finden. Wir rollen auf den Vorplatz und eine Delegation von uns geht zur Anmeldung. Nach einiger Zeit kommen MP und Groni schwer beladen mit jeder Menge Infomaterial sowie dem Schlüssel zu unserem Caravan wieder. Wir fahren zum Mietobjekt und besichtigen dieses erst einmal eingehend. Ich weiss nicht, was ich erwartet habe, aber ich glaube, das Ding hat meine Erwartungen sogar noch übertroffen, obwohl es natürlich alt und auch etwas siffig war. Es ist halt ein Wohnwagen mit Vorzelt, 7 Schlafmöglichkeiten und Kühlschrank, ein Tisch zum Pokern und keinen Nachbarn. Was will man mehr für 47 Euro inkl. Strom? Nachdem wir das Auto ausgeladen haben beschliessen wir, Burger King einen Besuch abzustatten. Leider haben wir keine Hinweise auf einen Zappelbunker mit Dorfjugend entdecken können. Tim fragt später die Tussy bei Burger King hinter dem Tresen, wo man denn hier noch was los machen könnte und sie meint, dass wir dann nach Bad Hersfeld fahren müssen. Unsere Begeisterung hält sich in Grenzen und nachdem unseren Fleischbedarf ausreichend gedeckt haben, beschliessen wir, es doch beim Pokerabend zu belassen. Also ab in den Silberpfeil und ran an den Pokertisch in unserem Privatcasino im Caravan in Kirchheim! Einsatz: 2 Euro! Jetzt wird sich zeigen, ob es vorhin nur ein Strohfeuer war, was ich im Auto abgebrannt habe. Der Schnaps steht auf dem Tisch, Steven klemmt seine Miniboxen an sein Handy und es könnte kaum schöner sein. Das ist das wahre Leben! Um halb 3 bin ich 6 Euro ärmer und Groni 12 Euro reicher. Dafür ist mein Promillewert höher als seiner...ist ja auch schon was. Malte, Peiner und Tim gehören ebenfalls zu den Gewinnern, während auch Wilhelm und Steven sich genauso wie ich nicht bereichern konnten. Wir gehen zu Bett, weil morgen ja auch noch ein anstrengender Tag vor uns liegt. Die Szenen kurz vorm einschlafen haben eher was von 5. Klasse Klassenreise: Malte und ich springen im Schlafsack durch den Wagen und fotografieren wild in der Gegend rum. Dabei verabschieden sich die letzten Reserven meiner Fotoakkus und ich kann die Linse der Kamera nicht mehr einfahren. Ist mir aber in dem Moment auch egal, ich schlafe nach 2 Sekunden in der Horizontalen ein.
Samstag morgen. Sonnenstrahlen fluten den Caravan. Ich mache das erste mal um 8:00h die Augen auf und befürchte das Schlimmste. Ich bin etwas überrascht, dass mir nicht schlecht ist. Gab immerhin gestern wieder 3 Sorten Schnaps und Bier. Malte ist auch schon wach und mir fällt die Wasserflasche ein, die ich noch in der Tasche habe. Oh Mann, das tut gut! Einige Zeit später entschliessen Malte und ich uns, nach einem kleinen Chips Frühstück, die sanitären Anlagen zu prüfen. Diese wissen durchaus zu gefallen und ich gehe wieder zurück zum Caravan, wo eben noch der Rest der Bande geschlafen hat. Als ich dort ankomme ist allerdings schon Leben in die Schnapsleichen geflossen und ich gehe mit Steven und Tim und diesmal mit Waschzeug zurück zu den Duschen. Es gibt zwar nur das kleine Hygieneprogramm, aber besser als nichts. Danach packen wir zusammen, checken aus (nennt man das so auf einem Campingplatz???) und steuern McDo zwecks Einnahme eines nahrhaften Frühstücks an. Das letzte Mal, dass ich bei Donald’s gefrühstückt habe liegt wohl schon 10 bis 15 Jahre zurück. Als wir uns über unser Frühstück her machen, bemerke ich wieder dieses Gefühl, welches zu viel Alkohol am Vorabend in einem herbeiruft. Was ist das bloss für ein Phänomen, welches mich morgens ohne Probleme aufstehen lässt und dann von Minute zu Minute die Übelkeit in mir steigen lässt? Boah, ist mir schlecht. Was mir noch auffällt ist, dass relativ viele Familien um diese Zeit bei McDo frühstücken gehen. Ganz ehrlich: Ich hoffe, ich muss niemals mit meiner Familie bei McDo frühstücke gehen. Das ist nicht mein Ding! Nach einem kurzen Besuch von Rewe sind wir wieder auf der Autobahn. Fahrer ist jetzt Malte und Groni hat sich zu uns nach hinten gesellt. Es wird die Bravo (ja, ihr lest richtig) sowie FHM’s 100 Sexiest Woman studiert und dabei über sinn und Unsinn mancher Regeln im Fussball diskutiert. Auch diese Etappe unserer Reise vergeht wie im Fluge. Mir ist zwar spei übel, aber Steven sorgt dafür, dass es mir nach einiger Zeit plötzlich erheblich besser geht. Wie er das macht, möchte ich hier unerwähnt lassen. Wen es interessiert der Wende sich bitte an einen der Mitfahrer! Gegen 13:00h erreichen wir Nürnberg und steuern einen Parkplatz an, der sehr leicht dank des guten Park-Leit-Systems gefunden werden kann. Wir fahren rauf und Malte meint zu dem Parkjogi, dass wir gern Parken wollen. „Nein, bei mir ist es zu teuer. Fahrt man noch weiter. Hier kostet der Platz 10 Euro, da vorne nur 2.!“ Überraschte Gesichter im Multivan aufgrund der Ehrlichkeit des Parkwächters. Sowas haben wir ja nun noch nie erlebt. Und auch, wenn wir 3 Euro auf dem nächsten Platz anstatt 2 bezahlen müssen, sind wir doch positiv überrascht und begeistert. Wir gehen Richtung Stadion und ich versuche mich das erste Mal auf dieser Reise mit dem Spiel zu befassen. Ehrlich gesagt: ich habe heute wenig Lust auf Fussball! Nürnberg wird im letzten Heimspiel sich bei seinen Fans bedanken und wir werden wieder enttäuscht von Sanogo & Co. Dazu kommt noch die Tatsache, dass das Nürnberger EasyCredit Stadion (was für ein bescheuerter Name) heute bei Leibe nicht der Ort ist, auf den ganz Fussballdeutschland blickt. Die Kameras sind heute auf Dortmund (gegen Schalke), Bochum (gegen Stuttgart) und Bremen (gegen Frankfurt) gerichtet. Wir haben weder was mit der Meisterschaft, noch Uefa Cup oder Abstieg zu tun. Wir sind im Niemandsland der Tabelle, was so ziemlich das schlimmste ist, was passieren kann. Sommerfussball in dem es um die goldene Ananas geht. Langeweile vorprogrammiert. Die Stadiontore sind noch verschlossen und so suchen wir einen Biergarten mit netter Atmosphäre, günstigen Preisen und vielleicht sogar noch einem leckeren Mittagessen. Nach kurzer Suche werden wir auf der Rückseite des Stadions fündig. Eine Mischung aus Biergarten und Beachclub. 0,5 L Bier für 2 Euro und 3 Mini Nürnberger Rostbratwürste im Brötchen für EUR 0,99 laden zum verweilen ein. Wir sind hier allerdings nicht willkommen. Das kann ich aus den Blicken der Nürnberg Fans entnehmen, die da schon an den Biertischen sitzen. Und so dauert es nicht lange, dass uns das erste „SAAAKNT PAAAAUUULI“ entgegen geschmettert wird. Witzig! Aber so richtig witzig ist erst der FCN Fan neben uns am Biertresen, der uns anspricht, ob ich wir es auch so toll finden, dass St.Pauli aufsteigt. ER finde das Klasse! Fick dich, denke ich mir nur und würdige ihn keines Blickes. Die Liegestühle in Nähe des Beachvolleyballfeldes sind fast schon zu gemütlich und wir drohen einzuschlafen. Hier kann man es aushalten, wenn auch der Wind etwas böig ist und das eine oder andere Sandkorn ins Bier bläst. Gegen 14:30h machen wir uns dann auf den Weg zum Stadion. Ich glaube, so Richtig Bock hatte jetzt erst recht keiner mehr von uns, weil es hier deutlich interessantere Plätze gibt als im Auswärtsbereich eines Stadions, in dem gleich ein unwichtiges Fussballspiel angepfiffen wird. Vorm Gästebereich treffen wir auf jede Menge HSVer. Eigentlich unglaublich, dass es wieder so viele von uns hier her zieht, obwohl es um nichts mehr geht. Aber ich bin ja auch hier und so kann ich mich auch selber fragen, warum man sich das hier noch antut. Für mich gilt, dass es noch 2 Spiele bis 34 sind. Was den Rest meiner Reisegruppe angeht...fragt sie selber! Denke, dass man sich auch immer ein Stück weit von der Mannschaft verabschieden will. Ausserdem will man ja auch in einer anderen Stadt den Verein gut darstellen, und dass schafft man nur, indem man zahlreich für ein unwichtiges Spiel anreist. Die HSV Fans sind halt reisefreudig, und dass beweisen sie heute wieder. Das elektronische Einlasssystem hakt zwar anfangs etwas, aber schliesslich kommen wir doch rein. Die Leibesvisitation verläuft problemlos. Mir wird zwar die Fahne abgenommen, aber den Trick kenne ich schon aus Stuttgart. Scheint hier Mode in Süddeutschland zu sein, dass die Ordner die Zaunfahnen aufhängen. Wir begeben uns auf unsere Plätze, die mal wieder aller erste Sahne sind. B-Rang, erste Reihe. Grossartig! Was für eine Sicht. Ich glaube, an solche Karten kommt man nur, wenn man Kontakte zum Verein hat. Ein erster Blick nach unten verrät, dass es dort zwar auf dem Papier Sitzplätze sind, aber die schon anwesenden stehen komplett. Genau wie der Alte, der jetzt schon Vollgas gibt. Manche Typen verstehe ich einfach nicht. Die singen und singen und singen (oder sollte ich lieber sagen gröhlen und gröhlen und gröhlen) und es interessiert sie überhaupt nicht, ob andere zuhören oder ob man sie überhaupt hört. So wie der Typ im A-Rang, der aus voller Inbrunst „HHHAAAA EEEEESSSS FFFFAAAUUU“ schreit. Die Körperspannung scheint ihn fast zu zerreissen. Zur Info: Es sind weder die Mannschaften, noch mehr als 5000 Menschen im Stadion, es ist nämlich 14:45h... Bis zum Anpfiff dröhnen wir so vor uns hin und geniessen die Aussicht. Es wird immer voller und kurz vor 15:30h scheint das Stadion wirklich sehr gut gefüllt zu sein. Hätte ich nicht gedacht. Stevens hat zum letzten auswärtsspiel wieder die alte Taktik rausgeholt: Nur ein Stürmer (Olic) dahinter van der Vaart. Guerrero wieder auf der Bank. Hat er nicht verdient, wie ich finde. Aber Steven zieht nun mal sein Ding durch. So wie unter der Woche, als er den Aufsichtsrat angegriffen hatte. Stevens beschwerte sich darüber, dass so viele Namen gehandelt werden, die verkauft werden sollen. „Und dann soll ich diese Jungs am Wochenende motivieren?“ Recht hat er. F. Rost – Benjamin, B. Reinhardt, Mathijsen, Atouba - de Jong - Demel, Jarolim, Sorin - van der Vaart – Olic sollen heute die Fans versöhnen. Ich bin gespannt. Kann mir nicht vorstellen, dass das hier ein toller kick wird. Nürnberg ist mit den Gedanken schon in Berlin und unsere Jungs schon im Urlaub. Habe daher auch 1:1 in der Firma beim Tippspiel getippt. Unverhofft kommt ja bekanntlich oft und so entwickelt sich ein recht ansehnliches Bundesligaspiel mit ein paar Chancen auf beiden Seiten. Der erste richtige höhepunkt spielte sich aber in unserem Block ab. Der HSV hat eine Chance, was uns natürlich von den Sitzen reisst. Da dreht der Typ hinter Steven plötzlich durch. Der ca. 50 jährige Familienvater schreit, wir sollen uns gefälligst hinsetzen und zerrt von hinten an Steven Jacke. Da hat er sich ja den richtigen ausgesucht. Steven schnellt herum und brüllt den Typ, völlig zurecht, an, was ihm denn einfallen würde, ihn anzufassen. Die ruft 2 weitere Männer auf den Plan, die jetzt in die Pöpelei mit einstimmen. Dem Dialekt zu urteilen, kommen die hier aus der Gegend. Sie hätten Sitzplatz bezahlt, und wir sollen gefälligst sitzen bleiben. Die Typen kann ich ja ab. Die Diskusion eskaliert immer weiter, weil die Arschgeigen (obwohl deutlich in der Unterzahl und im Unrecht) nicht die Fresse halten. Ich sehe schon die Ordner neben uns stehen und uns aus dem Stadion fliegen. Denn wer glaubt uns denn, dass da ein Familienvater mit Opa und vielleicht Onkel streit anfängt? Irgendwann kommt ein wirklich unglaubliches Argument von denen: Groni meint, sie sollen sich doch bitte mal umschauen. Sie seien im Gästebereich! Da meint der Typ, dass sie auch Gäste sind, nicht nur wir! Hä??? Da sieht man mal wieder, dass solche Leute gar keine Ahnung haben, von was sie reden. Fussball ist Emotion! Und wenn unserer Stürmer allein aufs Tor zuläuft, reisst mich das nun mal von meinem Sitz! Ich kann solche Menschen nicht verstehen, die sich aufregen, weil die Leute vor ihnen aufstehen. Irgendwann schnalle ich, dass hinter mir der ca. 5 Jahre alte sohn von dem Meckerfritzen sitzt. Wenn er denn wenigstens damit argumentiert hätte, dass der kleine nichts sehen kann, das hätte ich ja noch verstanden. Aber einfach hier das Maul aufreissen...ne, nicht mit uns. Oder vielleicht doch? So eine Geschichte hemmt doch, und in der Folgezeit überlege ich mir genau, ob ich für manche Gesänge oder Torchancen aufstehe und wie lange ich stehen bleibe. Geil, danke! Solche Arschgeigen machen einem nun auch noch das letzte Auswärtsspiel kaputt. Malte und Simon, die ganz rechts sitzen, geht es aber nicht besser. Es ist nur das Gegenteil der Fall: Die Typen hinter und neben ihnen feiern dermassen überschwänglich, dass mehr Bier auf Maltes und Simons Sitz ist als in deren Bechern. Oh Mann, ist auch krass. Das Spiel plätschert so dahin und die Ergebnisse auf den anderen Plätzen stellen nun die Highlights dar. Bis zur 39.Minute! Da wird Raffi 28 Meter vor dem Tor der Nürnberger gefoult. Er macht heute wieder ein sehr gutes Spiel. Heute ist er wieder der, der den Unterschied ausmacht. Er mogelt sich ein paar Meter vor, so dass der Ball schliesslich bei 24 Metern liegt. Rafael hat beim Warmschiesse vor dem Spiel jedes Ding versenkt und ich habe mich gefragt, wann er das mal wieder im Spiel macht. Man wird einfach süchtig nach seinen Toren...München ist erst 2 Wochen her! Schiri Kircher gibt den Ball frei und RvdV läuft an. Ich bin der Meinung, es ist zu weit weg, um den Ball anzuschneiden. Aber die Kunststoffkugel beschreibt einen Bogen, wie ein Curveball beim Baseball und schlägt unhaltbar für Schäfer oben rechts ein. Ein wieder mal unglaubliches Tor vom kleinen Engel! 0:1! Kann der Typ eigentlich auch „normal“ Tore schiessen? Dem Auswärtsbereich ist es egal, dieser steht Kopf! Auch, wenn es um nichts mehr geht. Wir haben uns noch gar nicht richtig wieder hin gesetzt (Ja, ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, wegen dem kleinen jungen hinter mir) da läuft Olic über rechts, spielt aber den Ball steil auf Jarolim, und der, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte, zieht ab, und die Kugel rollt bei Schäfer durch die Beine ins lange Eck! 0:2! Es ist das 12 Tor im 179. Bundesligaspiel für Jarolim. Er jubelt aus Rücksicht auf seinen Ex-Arbeitgeber Nürnberg nicht. Mann o Mann, diese Geste scheint verbreiteter zu sein, als ich gedacht hätte. Kurz danach ist Halbzeit. Ein Doppelschlag hat das spiel schon fast entschieden. Nürnberg war wirklich schon mit dem kopf in Berlin, und wir haben endlich mal richtig guten Fussball gespielt. Warum nur so selten in dieser Saison? In der zweiten Halbzeit passiert nicht mehr viel. Nürnberg will zwar, hat aber kein Rezept gegen die gute Hamburger Abwehr. Und wir haben zwar noch einige vielversprechende Konter, die aber leider nicht genutzt werden können. Demel zieht einmal egoistisch ab, obwohl Olic besser steht, und kurz danach spielt er beim Konter einen ganz schwachen Pass auf Olic. Da reisst Stevens der Geduldsfaden! Er wechselt Demel sofort aus und bringt Mehdi. Danach zoffen die beiden sich noch an der Seitenlinie. Ja, mit Stevens ist nicht zu spassen...der macht keine Gefangenen! Wir spiele das Ding souverän runter und die Fans konzentrieren sich eher auf lautstarke Gesänge, als auf das Spiel. Die Arena Kunden, die Arena über Willy.tel bekommen, kriegen von all dem nichts mit. Groni erzählt mir, dass das Spiel nicht gezeigt wird. Nina sitzt zu hause, und muss sich die Konferenz ohne HSV angucken! Es geht ja um nichts mehr! Was für eine Frechheit! Dann ist irgendwann schluss und die Mannschaft kommt in die Kurve. Anfangs etwas schüchtern (dabei wissen die Jungs doch nichts von den Wasserbomben aus Düsseldorf vor etlichen Jahren), aber schliesslich fliegt ein Trikot nach dem anderen ins Publikum. Ich beobachte einen Typ, der, glaube ich, das Trikot von de Jong fängt und sich danach kaum noch einkriegen kann vor Freude. Cooles Bild! Dann setzt sich die Mannschaft vor den Block und es folgt das übliche Ritual. Vorher wirft JoJo aber rost noch ein „Für immer Volkspark“ T-Shirt zu, dass er sofort anzieht. Geiler Typ! Leider verabschieden sich auch die Nürnberger Spieler von ihren Fans und so geht das Frage/Antwort Spiel von uns etwas unter. Atouba gibt danach eine seiner Tanzeinlagen und wir gehen bald darauf Richtung Ausgang. Bremen hat gegen Frankfurt verloren, Schalke in Dortmund, Stuttgart schlägt Bochum und Wolfsburg erzielt in letzter Minute den Ausgleich in Aachen, d.h. Bremen kann kein Meister mehr werden, Stuttgart ist zwei Punkte vor Schalke und Aachen, Mainz und Gladbach stehen als Absteiger fest. Ausser, dass Wolfsburg die Klasse gehalten hat, ist doch alles ganz gut gelaufen. Nur mir wird jetzt wieder klar, wie bescheuert so ein Platz im Mittelfeld ist. Aber dennoch besser, als wenn wir nächste Woche ein Endspiel gegen Aachen hätten. Wir holen uns unsere Zaunfahne ab und schlendern zurück zum Auto. Das hier ist vielleicht das beste Parksystem in der Bundesliga. Wir kommen, obwohl wir dicht am Stadion parken echt gut weg. Wenn da nur nicht die ganzen Pimmel wären, die uns provozieren wollen. Erst meint so eine 2-Spiele-im-Jahr-guckende Grossfamilie einen St.Pauli Schal aus dem Fenster zu halten, danach wird es Steven zu bunt: Neben uns steht ein Corsa, mit einer fetten Fahrerin, und noch einem fetteren Beifahrer. Der Typ hat ein St.Pippi Polo Shirt an und präsentiert uns den Fetzen mit einem ganz blöden Grinsen. An der nächsten Ampel schiebt Steven das Fenster auf und fordert den Typ auf, das Fenster runter zu kurbeln. „Wo geht es denn hier nach Fürth!“ Da fängt der Fette tatsächlich an, Steven den Weg zu erklären. Als ob ein 50.000 Euro T5 kein Navi hätte! „Bist du wirklich so bescheuert?“ fragt Steven ihn dann, und stellt fest, dass er ihn ebenfalls nur provozieren wollte. Da kurbelt der Fettsack das Fenster wieder hoch und legt sein beleidigtes Leberwurst Gesicht auf. Tja, HSV Fans schlagen nicht immer sofort zu. Diese Erkenntnis kann die Schwabbelbacke mit nach hause nehmen. Später auf der Autobahn überholen wir einen 12 Sitzer, mit 3 Mädels drin. Eine davon trägt ein Schalke Trikot und ist den Tränen wohl ziemlich nahe. Das hält Groni aber nicht davon ab, sie am Fenster zu verhöhnen. Schadenfreude ist die schönste Freude. Ist so, bleibt so! Bei McDo erlauben wir uns noch eine kleine Stärkung. Als wir so anstehen, fragt uns ein Typ, ob wir aus Nürnberg kommen, und ob es 0:2 geblieben ist. Wenn man Fanartikel anhat, passiert sowas ziemlich häufig. Man wird halt gefragt, wie der HSV gespielt hat. An der Reaktion auf die eigene Antwort kann man dann ablesen, ob der Frager ebenfalls HSV Fan ist. Im Grunde denke ich mir aber jedes Mal: Wenn es dich wirklich interessieren würde, wärest du doch im Stadion gewesen oder zumindest am Radio oder Fernseher. Wir sagen dem Typ also, dass es beim 0:2 geblieben ist. Er freut sich, und holt seinen HSV Mitgliedsausweis raus. Geiles Ding. Hier unten ein HSV Mitglied treffen, alle Achtung. Als wir uns später über unsere Burger her machen, ist der Typ schon fertig und wünsch uns eine gute Heimfahrt. Steven ruft ihm noch hinterher: „Nur der HSV!“ Groni hat den Sinn der Reise offensichtlich nicht verstanden: Er bestellt sich einen Salat!!! Bei McDonald’s!! Zum Glück wird er prompt bestraft und hat welke Salatblätter in seinem grünen etwas! Die Beschwerde folgt sofort und zum Glück kommt der Mann zur Besinnung und nimmt statt einem neune Salat einen Chickenburger. Puh, Glück gehabt! Dachte schon, er ist irgendwie verwirrt oder wird alt oder so... Zurück auf der Bahn gönne ich mir noch 2 Pernod Cola bis Hamburg und verliere jetzt auch die unwichtige Pokerspiele. Endlich ist alles wieder so, wie es gehört! Nach knapp 6 Stunden erreichen wir wieder das Panorama, welches uns jedes Mal ganz nachdenklich werden lässt. Lichter aus, Musik etwas lauter. Auf der rechten Seite ist das CTA, kurz danach kommt die Köhlbrandbrücke. Links erst Eurogate, dann das Hafenbecken und gegenüber die Konkurrenz vom Burchardkai. Tausende von Containern stehen hier und die gelben Rundleuchten der Straddle Carrier und Reach Stacker durchschneiden die Dunkelheit und blenden die Augen. Jetzt fährt man in den Elbtunnel. Die Durchfahrt dauert ca. 3 bis 4 Minuten. Das Auto gleitet nur so voran. Danach Ausfahrt Othmarschen, Bahrenfeld und schliesslich Volkspark mit der Müllverbrennungsanlage und dem Stadion im Hintergrund. Wir fahren erst Steven nach Hause, dann Wilhelm, der morgen mit der 7ten von St.Pauli wieder ein wichtiges Aufstiegsspiel hat. Ich rufe ihm zu, dass ich hoffe, dass sie verlieren. Aber eigentlich gönne ich ihm den Aufstieg. Er spielt halt nur im falschen Verein! Gegen 0:45h bin ich wieder zuhause. Ich nehme den Bierkasten, meine Tasche mit dem Sprit, Jacke und Fahne mit hoch. Julie ist noch wach und erwartet mich schon. Da fällt ihr Blick auf das „100 Sexiest Woman“ Heft von FHM. Scheisse, nicht aufgepasst! Nach einem kurzen Frage/Antwort Spiel lächelt sie mich an und alles ist gut. Eine geile Tour geht zu Ende und auch die Saison dauert nur noch 90 Minuten. Dann ist mein Traum Wirklichkeit!