Schalke auswärts

Das erste Freitagsspiel der Saison. Schalke 04 – HSV. Und das gerade in der Woche, in der ich einen äusserst langweiligen Gefahrgutlehrgang in Frankfurt besuche. Das ist ja super. Also war die hinfahrt auf Firmenkosten schon mal gebongt, weil die Zugreise nach Gelsenkirchen günstiger war, als der Flug zurück nach Hamburg. Welcher Arbeitgeber spart nicht gerne ein paar Euros ein? Und so begann mein Trip am Frankfurter Flughafen mit ICE 626 um 16:26h. Ich stehe also so um 16:20h an Gleis 7 und warte auf meinen Zug. Etwas irritiert schaue ich mir die Tafel an, auf der ICE 224 nach Amsterdam angezeigt wird. Der fährt auch über Duisburg. Naja, wird wohl ein Fehler in der anzeige sein. Als dann aber die Ansage kommt, dass Zug 224 jetzt einfährt, erhärtet sich der Verdacht, dass hier etwas nicht stimmt. Ich muss mal dazu sagen, dass ich bei solchen Reisen immer sehr nervös und ungeduldig bin. Immerhin steht hier eine ganze Saison auf dem Spiel, wenn irgendwas mit der Verbindung nach Gelsenkirchen nicht klappt. Ich drucke mir immer alle Umgebungspläne, Abfahrtzeiten und sonstige Informationen aus um nichts dem Zufall zu überlassen. Ich bewundere ja Leute, die immer so nach dem Motto reisen: Ich fahr erstmal los, mal sehen was der Tag so bringt. Das kann ich nicht. Zurück zum Gleis 7. Es fährt also nun der Zug ein und ich suche den Wagen 31, wo mein reservierter Sitzplatz drin sein soll. Aber der Zug reicht nur bis Wagen 26. Scheisse, und nun? Weit und breit kein Bahnmitarbeiter zu sehen. Also steige ich erstmal ein und laufe nervös und hibbelig durch den Wagon bis ich dann an der nächsten Tür doch noch eine Servicekraft der DB entdecke. Der Typ muss sich allerdings gerade mit einer Indischen Familie absabbeln und wirkt schon reichlich genervt. Ich erkenne, dass die das gleich Problem haben wie ich und wenig später steht noch eine Frau markte Business Typ neben mir, die ebenfalls ihren Wagen sucht. Irgendwann meint der DB-Mensch, dass die 30er Wagen gleich angekuppelt werden. Sicher: Freundlich ist anders, aber mir egal, weil sich mein Blutdruck jetzt entspannen kann. Hätte ja auch irgendwo mal dran stehen können, dass ICE 224 und ICE 626 zusammengeführt werden. Wenig später fährt der zweite Zugteil ein und ich finde jetzt auch meinen Wagen 31 mit Sitzplatz 41. Gut, den ersten Aufreger habe ich also hinter mir.
Die Reise führt mich durch Köln, Düsseldorf bis Duisburg ohne nennenswerte Ereignisse. In Duisburg steige ich dann um in den Regional Express nach Gelsenkirchen. Das hat ja mal gut geklappt. Ihr merkt, ich bin doch immer etwas angespannt, was sowas angeht. Immerhin kann ich in diesem Fall nicht meine Verwandten anrufen, dass ich ne Stunde später als erwartet ankomme. Der Schiri wird nicht mit dem Anpfiff warten, nur weil ich nicht da bin. Im RE von Duisburg ist schon alles voll Schalke. Sind nicht wirklich nette Gestalten dazwischen. Es erscheint mir auf Schalke immer besonders schlimm. Ich darf hier nur an meine erste Schalke Tour damals noch im Parkstadion erinnern, als mir so ein Fetter-130kg-Schalke-Hool ins Gesicht gespuckt hat. Schalke hasse ich, dass sind alles Arbeitslose Spinner, die meinen, Ihr Verein wäre der Geilste der Welt. Das meine ich auch vom HSV, aber es ist etwas anderes. Auf dem Flug von Hamburg nach Frankfurt habe ich einen Bericht gelesen, dass F. Rost über Schalke sagt, dass der Fussball hier Kultur wäre. Kein Wunder! Im dreckigen Pott hat man nicht viel, an was man sich halten kann. Da ist dieser Verein, der in der Vergangenheit nur so von Skandalen („FC Meineid“) und Nervenschwächen („Meister der Herzen“) dominiert war, schon das Beste, was einem Hartz IV Empfänger passieren kann. Für mich bleibt der ganze Pott einfach nur ein riesen Drecksloch und ich freu mich jedes mal, wenn ich in den Zug nach Hause steigen kann. Nirgendwo passt wohl der Gesang “Wir fahr’n nach Haus, Ihr müsst hier wohn“ wohl besser. Jetzt erreichen wir Gelsenkirchen HBF und ich brauche „nur“ noch die Strassenbahn finden. Keine Schilder, keine Hinweise. Danke, sehr freundlich. Die Polizei ist sehr präsent und sperrt schon gewisse Teile des Bahnhofs ab. Der Sonderzug aus Hamburg ist wohl noch nicht da. Ich versuche mein Glück in irgendeine Richtung. Spätestens jetzt wird mir wieder mal klar, warum ich all diese Informationen ausdrucke. Wenn ich zwei Möglichkeiten habe, entscheide ich mich stets für de Falsche! So auch jetzt. Ich gehe durch einen Ausgang, der direkt an einer Schalker Kneipe mit finstersten Gestalten davor liegt. Die stürzen alle ihr Veltins runter und ich bin froh, dass ich heute ohne Fanartikel angereist bin. Irgendjemand von den zu fragen, wo es zur Arena geht würde wohl meine komplette Tarnung aufschmeissen! Also laufe ich weiter, aber von einer Strassenbahn ist nichts zu sehen. Ansonsten nur Schalker Gesindel, Kopftücher oder Flaschensammler hier. Ich schenke keinem hier das Vertrauen mir eine Auskunft zu geben. Der Schutzmann wird mir aber bestimmt weiter helfen und so frage ich den erst besten Polizisten nach der Strassenbahn. „Einfach in die Richtung, da fährt eine ab“ Jo, ist gut. Ich glaube, wenn ich dem Mann ohne mistrauen einfach so geglaubt hätte, würde ich heute noch nach der Strassenbahn suchen. Da kommt nämlich weit und breit gar nichts... Danke! Wenn man die Damen und Herren mal braucht, dann kann man sich nicht auf sie verlassen. Aber wehe, du stehst 5 Minuten mit deinem Auto in zweiter Reihe, dann sind sie sofort bei dir! Jetzt muss ich mich auf meine schlechte Orientierung verlassen und laufe eine grosse Strasse hinunter. Nach etlichen Metern fällt mir auf, dass auch Autos mit Schalke Fahnen dran in dise Richtung fahren. Kann also nicht so schlecht sein. Ich rufe Groni an, um zu fragen, wo er ist und mein Leid zu klagen. Er ist noch auf der Autobahn und es wird noch etwas dauern. Ich laufe weiter und versuche, mir eine Bestätigung für die Richtigkeit meines Weges zu holen. Aber auch hier reden die wenigen Menschen entweder mit sich selber (kein Witz) oder es sind Kopftücher, die mich eh nicht verstehen oder Typen, die ich nicht mal nach der Uhrzeit fragen würde! Dann kommt endlich ein Schild auf dem Arena steht und wenig später sehe ich auch die Strassenbahn. Der Bulle hatte mir glatt die falsche Richtung gezeigt. Die Polizei, dein Freund und Helfer. Ich nehme die erste Strassenbahn, die voll mit Schalkern ist. Wir fahren ca. 10 bis 12 Minuten und ich stelle fest, dass der Weg komplett zu Fuss doch noch sehr, sehr weit gewesen wäre. Der Bahn hält noch an diversen Haltestellen, obwohl sie schon hoffnungslos überfüllt ist. Dann der Schock: Die Bahn hält an einer Station, wo 5 Typen direkt vor der Tür warten, an der ich stehe. Die sehen nach ca. 5000 Jahren Stadionverbot aus. Aber die Tür öffnet sich nicht und dem Strassenbahnfahrer reicht es wohl langsam. Er fährt einfach weiter und ich höre nur, wie die Typen komplett ausrasten und gegen die Scheiben des hinteren Teils der Bahn hauen. Willkommen bei Freunden in der WM-Stadt Gelsenkirchen. Die Fahrt führt uns an einer Kneipe Namens „Anno 1904“ vorbei. Grimmige Typen mit Flecktarn- oder Lederjacken und Veltins stehen davor. Oh Gott... Endlich erreichen wir die Arena und ich mache mich Richtung Auswärtsblock auf den weg. Mein Bedarf an HSV-Fans ist höher als jemals zuvor. Wenn ich mich vorhin noch für die richtige Richtung entschieden habe, so laufe ich jetzt komplett falsch und muss somit einmal komplett ums Stadion laufen, um den Auswärtsblock mit SC-Botschaft der gleichzeitig Treffpunkt ist zu finden. Das ist die wunderbare Welt des Marcel D. Es wundert mich immer noch, dass ich zumindest einmal heute mich für die richtige Richtung entschieden habe... Mein Magen knurrt und Durst habe ich auch. 4,50 für eine Frikadelle im Brötchen und ein Veltins scheinen mir angemessen. Dann endlich kommt die SC-Botschaft in Sicht. Ich telefoniere noch mal mit Groni, der mir sagt, dass unsere neuen Karten bei Sven Freese liegen sollen. Ich frage Sven, aber der meint nur, dass die noch im Sonderzug sind. Wieder Rückinfo an Groni, der das klären will. Ich treffe Simon, mit dem ich eben schon telefoniert hatte. Was haben die Leute eigentlich früher ohne Handy gemacht? Ich gebe Simon meine Karte, weil Groni seine wohl an jemand anderen gegeben hatte. So richtig schnalle ich das alles nicht mehr, ist mir aber auch egal, solange ich das Spiel sehe. Groni hatte sowieso viel getrickst in dieser Woche: Erst wollte er mit dem Auto fahren, aber dann brach die Besatzung weg. Dann sollten wir mit Reichert zurück fahren, aber dessen Auto war dann voll. Nun war also der Sonderzug als Reisemittel zurück vorgesehen. Am Freitag hatte Groni dann noch neue Karten organisiert. Erste Reihe B-Rang Sitzplatz! Klang doch besser als Stehplatz. Ach, wenn ich meinen lieblings Griechen nicht hätte... Simon geht schon ins Stadion und ich bleibe allein zurück. Es muss so um 19:40h sein. Nun bietet sich mir ein Schauspiel, welches unerreicht ist. Es rollt ein VW-Buss der Polizei mit Blaulicht auf den Vorplatz des Auswärtsbereiches gefolgt von einem Ziamonikabuss des hiesigen Verkehrverbundes. Dann wieder ein Polizeiwagen und wieder ein Buss. Am Ende stehen 9 oder 10 Busse gefüllt mit der kompletten Sonderzugbesatzung vor mir. Hinterher noch ein Servicewagen und Krankenwagen. Offensichtlich hat man hier an alles gedacht. Der eben noch beschauliche und ruhige Platz verwandelt sich innerhalb von Sekunden in ein Meer aus Schwarz-Weiss-Blau. Das müssen 800 – 1000 HSVer sein, die jetzt hier heuschreckenartig einfallen. Um es mit den Worten von Tom Gerhard zu sagen: Endlich normaaale Leude! Und obwohl die alle granatenvoll sind haben sie, jeder einzelne, immer noch mehr Niveau als jeder Schalker, den ich hier heute gesehen habe. Wunderbar! Hamburg Rulez! Ich stehe in Mitten dieses Sonderzug-Mobs und warte auf Groni. Ersagte mir, dass jemand gleich die Karten zu Freese bringt. Später bekomme ich die Karten tatsächlich von Freese und alles ist gut. Klappt ja wie geschmiert. Um 20:10 kommt Groni dann endlich an. Er musste noch mit Reichert zu Olli „Ditsche“ Dietrich, für den Reichert Karten hatte. Und so sei Groni in den Genuss eines Händedrucks von Hamburgs Edelfan Ditsche gekommen. Nette Story! Wir machen uns auf den Weg zum Einlass, vor dem der grosse Andrang schon abgeflaut war. Wenig später betreten wir den B-Rang des Auswärtsbereichs welchen Groni mit den Worten ankündigt: „Willkommen am Ort der Glückseligkeit...“ Na, mal sehen, was unsere Jungs hier heut im Stande sind zu zeigen. Wir Vorzeichen sind recht günstig: Schalke ohne Lincoln (dem wohl dümmsten Profi der Liga), Asamoah, Larsen, und vielen anderen. Dazu noch den Last-Minute-Ausgleich in Wolfsburg sowie die Heimniederlage gegen Leverkusen im Hinterkopf. Den Schalkern flackern die Nerven, dass sie plötzlich doch nicht mehr Meister werden können. Und heute kommt einen Hamburger Mannschaft, die 3 Siege in Folge geholt hat und dazu einen van der Vaart in Bestform in ihren Reihen hat. Dazu ein neues System Marke Stevens, welches auf mehr Kompaktheit im Defensivbereich baut. Hier geht was! Aber ich bin ja Zweckpessimist, daher tippe ich im Buli Tippspiel nur 1:1! Es ist 20:30h als wir unsere Plätze einnehmen. Ein gigantischer Blick über den Stehbereich und beste sicht auf das Feld! Das für nur 10 Euro mehr... Preis Leistung Note 1! Einziger Aufreger: Direkt neben mir sitzt ein Schalker inmitten von HSVern. Groni fragt ihn, ob das hier sein Ernst sei, aber er lässt sich nicht provozieren. Stevens vertraut heute F. Rost, Abel, B. Reinhardt, Mathijsen, Atouba, Jarolim, Laas, Demel, Trochowski, van der Vaart, Olic. Letzter sollte wohl nur einen Denkzettel gegen Frankfurt bekommen, daher ist er heute wieder von Anfang an dabei. Das Spiel beginnt, und ich habe das Gefühl, dass Schalke mit Wut im Bauch die Niederlage gegen LEV vergessen machen will. 3 Minute: Kobiashvili, der für Lincoln ins Team gekommen war, tritt einen Freistoss von rechts, und Rodriguez schiebt den Ball nur knapp an Rosts Tor vorbei. 9 Minute: Einer von unzähligen Freistössen. Altintop zieht ab, der Ball hoppelt durch die HSV Mauer und Rost lenkt den Ball an den Pfosten. Puh... Wir stehe nicht so gut wie in Bremen. Schalke hat mehr von Spiel, ist aber oftmals Ideenlos und so kommt es erst in Minute 30 wieder zu einer Schalker Chance: Ernst köpft nach einer Flanke von rechts (Atouba heute mit Schwächen) über das Tor. Wir könnten mit sicherheit mehr machen, aber die sich bietenden Konter werden leichtfertig durch ungenaue Pässe oder überflüssige Dribblings verschenkt. In Minute 42 haben wir dann doch unsere erste wirkliche Torchance: Rafael („die Lebensversicherung“, „der Punktegarant“, „Gott“, „der kleine Engel“ oder wie man auch immer will) verarscht auf der rechten Schalker Abwehrseite Bordon und Rafinha nach Strich und Faden, legt den Ball dann irgendwann nach Innen und Laas schiesst nur Zentimeter am Pfosten vorbei. Neuer hätte keine Chance gehabt. Ich glaube, Bordon und Rafinha mussten sich anschliessend erstmal setzen, um wieder klar im Kopf zu werden. Die sahen aus wie Brummkreisel. Und Raffi? Tja, alleine diese Szene war schon wieder das Eintrittsgeld wert! Halbzeit. Im Schalker Forum im Internet hatte man aufgerufen, Van der Vaart auszupfeifen, weil er sich beim letzten Spiel auf Schalke angeblich hatte Fallen lassen, und somit eine rote Karte provoziert hatte. Bajramovic wurde sogar aufgefordert „ihm in die Knoch zu springen!“ Ja, das passt zu diesem Gesocks! Nach 45 Minuten musste ich aber doch feststellen, dass nur wenige der 61000 über einen Internetanschluss verfügen. Denn ein Pfeifkonzert alla van Buyten in Hamburg gab es bei weitem nicht. Und auch Rost wurde durchaus neutral Empfangen. Warum sollte man den auch auspfeifen? Kann er doch nichts für, dass Slomka ihn aussortiert.
