Sonntag, Februar 25, 2007

Frankfurt zuhause

Wenn es nicht darum gehen würde, die Abstiegsplätze zu verlassen, wäre dies wirklich kein viel versprechendes Spiel gewesen. HSV – Frankfurt. 24. Februar 2007, 6 Grad Celsius und gelegentlich Nieselregen. Der 17te gegen den 15ten. Naja, gibt bestimmt Interessanters. Aber immerhin lockte ein Nichtabstiegsplatz. Zudem hatte mich die Firma noch mit Firmenkarten gelockt. Ich sollte nur mit einem Seefrachtkollegen und unserem gemeinsamen Kunden zum Spiel gehen. Geil! Freibier und Freiessen!!! Denkste...wir bekamen „nur“ die Westtribünenkarten. Gute Plätze, aber kein Gratisbier oder Gratisessen. Herrje, musste ich ja nun durch. Ich fahre also um 13:00h zum Stadion, um mich um 13:45h mit Groni am Fuss zu treffen. Immer noch ungeschlagen, wenn wir uns vorher hier treffen und Bier trinken. Olinger ist diesmal auch dabei. Später kommt noch Lars. Das treffen dauert aber nur 30 Minuten, weil ich um 14:30h mit den vorhin angesprochenen „Geschäftspartnern“ verabredet bin. Viel Lust habe ich ja nicht, weil ich lieber auf meinem Platz gesessen hätte, als 17A Westtribüne. Wir betreten um 14:45 das Stadion und steuern zielsicher den ersten Holstenstand an. Etwas Small-Talk aller wie laufen die Geschäfte, was gibt’s neues in unserem Lager, etc. Zum Glück ist unser Kunde ebenfalls leidenschaftlicher HSV Fan, so dass wir bald zu den wirklich wichtigen Themen wechseln können. Die Krise der Bayern, die erneute Änderung des Stadionnamens von AOL Arena in Emirates Stadion und so weiter und so fort. Gegen 15:15h gehen wir auf unsere Plätze und ich bin angenehm überrascht: Höhe Mittellinie, Reihe 10. Sehr gute Sicht auf das „Schlachtfeld“ auf die Nordtribüne und den stattlichen SGE Anhang! Lotto trällert seine Hymne und ich bin der Meinung, dass er viel zu laut ist. Auf jeden Fall hört man von der Nord gar nichts. Wie auch? Wer soll denn da gegen an brüllen? Also für mich kein Gänsehaut-Feeling alla „You’ll never walk alone“ in Liverpool! Bevor das Spiel beginnt hole ich noch schnell eine Lage Bier. Hoffentlich bekomme ich das Geld vom zuständigen Verkäufer bei uns Montag wieder... Stevens schenkt folgender Startformation sein Vertrauen: F. Rost , Abel, B. Reinhardt, Mathijsen, Atouba, Mahdavikia, Jarolim, Laas, Sorin, van der Vaart, Sanogo. Letzterer hatte sich sein Platz in der Startformation wohl mit guten 20 Minuten in Bremen und entsprechenden Trainingsleistungen verdient. Sonst kann ich es mir nicht erklären. Abel rückt für Benjamin rechts in die Abwehrkette. Bin mal gespannt, was der so drauf hat. Ich meine, ich habe ihn einmal im Uefa Cup für Schalke gesehen. Und da glänzte er mit Fehlpässen und Unsicherheiten. Aber wie immer ist meine Leserschaft eingeladen, mir das zu widerlegen. Nachdem die Riesen „Joey’s“ Fahne entfernt wurde (Wo kann man die kaufen???) beginnt das Spiel. Und nach 2 Minuten ist unsere Lebensversicherung schon fast erfolgreich, trifft den Ball aber mit seinem schwächeren (hat der überhaupt Schwächen???) rechten fuss nicht richtig und Nikolov kann den Ball locker halten. Dann etwas aus der Kategorie „Nerv auf Sitzplätzen!“: Die Nordtribüne stimmt „Steht auf, für den HSV !“ an und ich folge der Aufforderung. „Das sind Sitzplätze hier! Hinsetzten!!!“ faucht mich ein alter Mann im Mantel an. Willkommen auf der West! Ich überlege kurz, ob ich ihm einen passenden Spruch servieren soll, aber entscheide mich dagegen. Der Klügere gibt halt immer noch nach... 7. Minute. Sanogo rumpelt wie eh und je Richtung Hessen Tor und wird gefoult. Im Stadion rege ich mich sogar über den Schiri auf, warum er für so was Freistoss gibt. Natürlich nur ganz leise, weil es ja für uns ist. Aber wären wir hier in England, hätte der Schiri völlig zu recht weiterspielen lassen. Egal, 20 Meter, relativ zentral. Wann haben wir eigentlich das letzte direkte Freistosstor geschossen? Kann mich nur an Raffi’s Tor in Bielefeld 2005 erinnern. Van der Vaart läuft also an. Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon wieder die Fangnetze hinter dem Tor gespannt... Der Ball segelt im bogen über die Frankfurter Mauer in die linke obere Ecke. Nikolov steht da und kann eigentlich nicht mehr machen als applaudieren. 1:0! Unglaubliches Tor! Warum macht er denn nicht in jedem Spiel einen solchen Treffer? Das sah so leicht und locker aus, als wenn er noch nie etwas anderes gemacht hat! Das Stadion bricht in einen Freudentaumel aus. Und dies ist der einzige Moment indem ich mal nichts aus dem Auswärtsbereich höre. Die Jungs haben wieder 90 Minuten Vollgas gegeben, was mich ja schon im Hinspiel beeindruckt habe. Für mich unterstreichen die Frankfurter heute wieder den Eindruck der stimmgewaltigsten Fangruppierung in der Bundesliga. Plötzlich spricht der Typ hinter mir mich an (der mit „Hinsetzten“...) und fragt mich, ob ich Fussball spiele. Ich wäre so leichtfüssig auf den Beinen. Er ist 70 und spielt immer noch! Keine Ahnung, warum er mir das jetzt erzählt. Nach dem Treffer kontrollieren wir das Spiel. Frankfurt kommt nur zu zwei Halbchancen (Takahara und Kyrgiakos). Auf unserer Seite hat Sanogo auch zwei gute Möglichkeiten sein schlechtes Image aufzupolieren, allerdings scheitert er beide Male kläglich. Das ist wirklich langsam nicht mehr witzig mit unseren Stürmern: Den, den du von beginn an bringst, der ist schlecht. Dann wechselst du einen anderen ein, der gut ist. Im nächsten Spiel machst du es anders rum, und der, der beim letzten Mal gut war, ist jetzt von Anfang an schlecht, und der, der eingewechselt wird, ist gut, obwohl er beim letzten Mal schlecht war (Ich hoffe, ich konnte mich verständliche ausdrücken). Was soll Stevens denn machen? Ohne Stürmer anfangen und dann nach 2 Minuten einen einwechseln, in der Hoffnung, dass der dann 88 Minuten halbwegs gefährlich ist? Halbzeit. Ich bin schon 5 Minuten vorher gegangen, um den Schlangen an der Toilette und Bierstand zuvor zu kommen. Am Bierstand dann ein interessantes Gespräch mit der Dame hinter dem Tresen: Auf die Frag von ihr, ob den schon Halbzeit sei, entgegne ich relativ verdutzt: “Ja, klar! Ihr müsst euch mal ein Radio aufstellen!“ sage ich mehr im Scherz. „Das dürfen wir nicht!“ bekomme ich als Antwort. Harte Methoden bei Aramark. Ich frage nach einem Tablett für drei Biere, weil der Typ an der Treppe garantiert wieder meine Karte sehen will. Und Tatsache: Er will sie nicht nur sehen, er grapscht sie mir aus der Hand und studiert sie. Ich ziehe sie wieder zurück und weise ihn daruaf hin, dass er mich heute schon das dritte Mal kontrolliert. Dann gehe ich einfach weiter. Mein Güte...das geht mir vielleicht auf den Keks. Wenn ich auf den A-Rang will, kann er da eh nichts bei machen. Er soll sich die Karte angucken und ruhig sein. Ihr merkt schon: Wer keinen Stress hat macht sich welchen... Zweite Halbzeit! Der HSV meint jetzt, das Ergebnis verwalten zu wollen. Nicht Kreatives mehr. Man bettelt mal wieder um den ausgleich, ohne, dass sich Frankfurt jetzt Torchancen hätte erarbeiten können. Aber sie sind jetzt engagierter und spielen deutlicher nach vorn als wir. Dann ist knapp eine Stunde gespielt und der Alptraum nimmt konkrete Formen an. Takahara setzt sich gegen Mathijsen durch, der in dieser Situation nicht gut aussieht, und schiebt den Ball Rost durch die Beine zum 1:1. Die mitgereisten Frankfurter rasten komplett aus und meine schlimme Befürchtung, wir könnten heute nur unentschieden spielen und nächsten Freitag verlieren verdichten sich. Noch sind es aber 30 Minuten und wir müssen jetzt einfach mal wieder das Herz in die Hand nehmen. Von Raffi habe ich bis hierher noch gar nichts in Halbzeit zwei gesehen. Übrigens: War ja klar, dass Takahara gegen uns trifft. Die Sportschau wird wieder eine tolle Geschichte aus diesem Thema machen... Steven reagiert jetzt völlig richtig: 62. Olic für Sanogo
65. Trochowski für Sorin, 76. Ben-Hatira für Mahdavikia. 77. Minute. Wir spielen nicht gut. Für mich ist Frankfurt eher am 1:2 als wir am 2:1. Doch dann kann ein Frankfurter den Ball nicht ausreichend klären, das Objekt der Begierde landet bei Trochowski und der will sich ebenfalls wie van der Vaart in der nächsten Woche um 19:50h bei der ARD in der Vorstellung zum Tor der Woche sehen. Er steht am 16 Meter Ecke, ein kurzer Blick, strammer Schuss und der Ball segelt über Nikolov hinein ins lange Eck. Ein Tor, wie aus dem Nichts! Spätestens jetzt wird mir klar, warum ich nicht mit Kunden zum Fussball gehen sollte. Vor lauter Euphorie fliegt mein fast leerer Bierbecher nach vorne und ich umarme schon wieder wildfremde Menschen! Aber ich kann nun mal nicht anders. Ein solcher Treffer in einer solchen Phase des Spiels und der Saison lässt mich alles vergessen. Als sich der grösste Jubel gelegt hat, sehe ich den Typ, den mein Becher (oder zumindest der Hinhalt) getroffen hat. Er hat jetzt eine Kaputze auf und guckt immer noch grimmig die Tribüne hoch. Tja, tief fliegende Bierbecher kennt man auf dieser Tribüne offensichtlich nicht, hö hö. Das Spiel hat sich jetzt gedreht. Wir stehen vor dem dritten Sieg in Folge! Und leider muss ich jetzt feststellen: We only sing, when we are winning! Die Nordtriüne ist wieder da. Aber wo war sie denn die letzten 20 Minuten? Zwei kritische situationen müssen wir noch überstehen: Alex Meier kann den Ball aus einem Meter nach einer Ecke nicht im Gestocher im Tor unterbringen (83.) und Kyrgiakos bleibt bei ähnlich glücklos (88.) Olic vergibt zwischenzeitlich einen Konter kläglichst. In der 93 Minute ist dann Raffi alleine durch und läuft auf nikolov zu. Diesmal macht er es aber nicht, wie in Bremen, sondern legt den Ball nochmal uneigennützig auf Olic, und der schafft endlich sein erstes Tor im HSV Dress. Als Torjubel scheint er sich das Pech vom Trikot zu wischen. Hoffen wir mal das Beste! Auf der Westtribüne steht hingegen ein Junge, der 34 Spiele gucken möchte auf Platz 27 und 28, streckt die Arme Richtung Stadiondach und weiss, dass der Drops hier heute gelutscht ist. Der 70jährige Fussballspieler hinter mir drückt mich väterlich an seine Brust! Was Fussball aus Menschen macht... Schiri Perl pfeifft nicht mehr an. Wir gewinnen 3:1. Der Frankfurter Anhang reagiert krass, als die Spieler in die Kurve kommen: Sie stehen geschlossen mit dem Rücken zum Spielfeld. Ein hartes Bild, wenn man bedenkt, dass ihre Mannschaft nur knapp an einem Punkt vorbeigeschrammt ist. Aber 8 sieglose Spiele zeigen langsam Wirkung. Vor der Nordtribüne wieder das Uffta-Spiel! Gänsehaut pur!

Julie, Nina, Groni und ich verbringen den Abend zusammen. Ich bin gut drauf, mache Witze, bin überschwänglich. Wir sind jetzt 13ter und wenn alles nach Plan läuft, werden wir in ein paar Wochen mit dem Abstieg nichts mehr zu tun haben. Aber darf ich es zulassen, dass ein Fussballspiel so positiv, oder wie vor Wochen noch negativ, mein Laune beeinflusst? Ich kann leider nicht anders...