
42 Tage ist es her. Da tauchte Bastian Reinhardt ab um den Ball aus dem eigenen Strafraum zu klären und damit den 3:2 Auswärtssieg in Aachen zu sichern. Wie diese Aktionen endete, wissen wir nur zu gut... Seit dem ist viel passiert. Thomas Doll wurde als Trainer bestätigt. Wir werden erst in ein paar Monaten wissen, ob dies die richtige Entscheidung war. Aber viele Alternativen gab es eh nicht. Frank Rost ist gekommen. Hoffentlich kann er die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen. Dazu hatten wir ein Trainingslager in Dubai, wo es mal wieder Ärger um Atouba gab. Für mich ist er diesmal allerdings nicht der allein Schuldige. Wenn es in Hamburg Ärzte gibt, die ihm helfen können, warum muss er dann unbedingt mit nach Dubai? Allerdings bleibt die Art und Weise, wie Atouba damit umgegangen ist (über die Medien) äusserst fragwürdig. Wie lange lässt man sich das noch beim HSV gefallen? Auf jeden Fall gab es mal wieder eine Suspendierung... Dazu ganz schwache Generalproben gegen die Bayern und Altona 93. Die Ergbnisse sind hier nebensächlich. Um es kurz zu sagen: Die Rückrundenvorbereitung lief alles andere als optimal. Und nun sollte das Unternehmen Klassenerhalt beginnen. In der Bielefelder Schüco Arena. Als ich Anfang der Saison meinen ersten Bericht geschrieben hatte, hätte ich nie zu träumen gewagt, dass es im Rückspiel gegen Bielefeld bereits um den Klassenerhalt geht.
Um 9:00h ist treffen an diesem sonnigen Samstag in Ohlsdorf. Simon, Groni, Malte, Tim und ich bilden heute die Reisegruppe. Da Tim am Freitag Geburtstag hatte versorgt er uns mit leckerem Havana Club! Aber irgendwie scheint das Pech den ganzen Verein inklusive seiner Fans und Mitglieder befallen zu haben. Nach ein paar U-Bahn Stationen klingelt Maltes Handy. Hier sei nur kurz erwähnt, dass er ein hohes Tier in einem Namenhaften Elektronikfachmarkt ist. „Scheisse!“ hören wir ihn nur sagen. Natürlich fangen Groni und ich gleich an Witze zu reissen. „Die bekommen bestimmt den Markt nicht auf, weil er noch den Schlüssel in der Tasche hat! Hö hö!“ Malte legt auf. „Die bekommen den Markt nicht auf!“ So richtig habe ich nicht verstanden warum, dass ist aber auch egal. In diesen Minuten sitzt Malte eher in der Bahn zurück nach Poppenbüttel als in Richtung Hauptbahnhof. Es wird telefoniert und gebangt. Schliesslich ist es Maltes Kollegin zu verdanken, dass auch an diesem Tage reichlich DVD Player und Kühlschränke den Besitzer wechseln können. Puh! Später wird Malte mir erzählen, dass wenn die die Tür nicht aufbekommen hätten, ein deutlich 6stelliger Betrag gefehlt hätte. Dann wäre auch ein verkauf seines TT wohl nur ein Tropfen auf den heissen Stein gewesen. Naja, er war jetzt auf jeden Fall wach. Am Hbf angekommen, läuft Tim hinter mir und ich höre nur, wie er mit dem Beutel, wo das Getränk drin ist, gegen die Treppen pendelt. Wird schon nichts passiert sein, denke ich mir. Leider war dies die falsche Annahme und tim zieht es Spur des Grauens aus Havan Club durch die Wandelhalle des Bahnhofes. Die Flasche hatte einen Riss bekommen und das teure Zeug lief nun aus. Geistesgegenwärtig versucht Tim den Rest in einem Becher aufzufangen aber ca. die Hälfte des guten Zeugs läuft über die Gehwegplatten einfach so davon. Ein sehr trauriges Bild. Aber genau wie bei der Mannschaft nutzt es nichts, den Kopf in den Sand zu stecken! Wir brauchen jetzt läute, die Ideen haben und voller Tatendrang nur so sprühen! Also gehen Groni, Simon und ich Nachschub bei Spar kaufen. Ca. 15 Minuten später dürfen wir eine neue Flasche Havana Club, 6 Red Bull und 3 Liter Cola unser Eigen nennen. Teurer Spass, aber was solls. Da wie bei einer Havarie Gross Schiff und Ladung einen Schicksalsgemeinschaft bilden, ist jeder Mitreisende hier mit 5 Euro dabei und wir können nun endlich die eigentliche Reise im ICE nach Hannover antreten. Hier nun der nächste Schock: Der ICE ist schon recht voll, so dass wir leider nicht wie geplant einen Tisch zum Pokern bekommen. Also widmen wir uns gleich dem Verzehr des Alkohols, denn wir haben jetzt ja schon 2 ½ Flaschen zu vernichten. Die Zeit vergeht schnell bis Hannover wo wir umsteigen müssen. Im Zug von Hannover nach Bielefeld ist die Sitzplatzsituation noch angespannter so dass wir Stehplätze im Bordrestaurant einnehmen müssen. Kurz das Restaurant nach unseren Ideen mit dem Banner verschönert, dauert auch die Weiterreise von Hannover nicht lange, bis wir dann um 12:20h Bielefeld erreichen. Hier haben wir schon 1 ¾ Flaschen aus und schliessen nun den Rest weg. Der Alkohol zeigt zumindest bei mir schon deutlich Wirkung! Also statten wir Ronald McDonald einen Besuch ab und Malte trägt uns das Wissenswerte über Bielefeld vor. Leider konnte ich mir nichts merken... Danach haben wir immer noch reichlich Zeit und steuern eine gemütlich Kneipe mit Samtsofas an um uns für das spiel nun endgültig in Stimmung zu bringen. Nach einem schnellen Herforder geht es schon wieder weiter in ‚Richtung Stadion, welches in Bielefeld auch in mitten einen Wohngebietes liegt. Sowas finde ich ja immer super. Irgendwie ist es auch mein Traum, eines Tages zu Fuss von meinem Haus oder Wohnung zum Stadion gehen zu können. Ich finde durch die Nähe zum Stadion wird die Identifikation mit dem Verein nochmals erhöht. Allerdings muss es für Leute, die mit Fussball nichts am Hut haben, ein Greuel sein, alle 2 Wochen Massen von pöpelnden, schwerst angetrunkenen Fussifans wie eine Heuschreckenplage am eigene Hause vorbei ziehen zu sehen. Die Jungs wollen noch ein Bier für „aufe Hand“ kaufen. Aber der Alkohol hat bei mir schon so angeschlagen, dass ich einen Tag später nicht mehr sagen kann, ob das geklappt hat oder nicht! Sorry! Wir erreichen den Gästebereich der Bielefelder Alm...bzw. der Schüco Arena. Im Vorfeld gab es Horrornachrichten vom Bielefelder Ordnungspersonal, die einem nicht mal das mitnehmen von Rucksäcken genehmigen sollten. Deshalb hatte Tim ja auch den Unfall mit dem Jutesack...bei einem Rucksack wäre das nicht passiert. Doch ich muss sagen, dass dies alles nicht zutraf. Nette Ordner haben keine Übertriebe Show aus der Einlasskontrolle gemacht. Und auch später, als ich den Ordner am Gästeblock gefragt habe, ob da noch irgendwo Platz für unsere Zaunfahne wäre, war es kein Problem, mir den Zutritt zum Innenraum zu ermöglichen um die Fahne zu platzieren. Einzig für das alkoholfreie Krombacher bekommt die Arminia einen Punktabzug. Vielleicht aber auch ganz gut so... Es ist 14:40h als wir unseren Platz im Stehauswärtsbereich einnehmen. Die Stimmung ist positiv, wie mir scheint. Keiner scheint wirklich daran zu denken, dass wir nicht die Aufholjagd hier und heute starten. Die Mannschaften beträten das Feld um sich warm zu machen. Und was muss ich sehen? De Jong, Sorin und Demel sind offensichtlich in der Startformation. Geiles Ding! Hatte man doch spekuliert, ob Doll wirklich alle drei bringen wird. Um 15:30h ist Anpfiff begleitet von jeder Menge Rauch auf Hamburger Seite. „Endlich mal wieder“ sagt Malte. Doll bot für meinen Geschmack einen Mannschaft auf, die deutlich überdurchschnittliches Niveau in dieser Liga hat. Rost im Tor, davor Reinhard und Mathijsen, rechts Demel, links Benjamin. Davor Sorin, De Jong und Jarolim. Laas als van der Vaart Ersatz und Sanogo und Luboja. Das ist doch auf dem Papier eine Mannschaft, die durchaus UEFA Cup Ambitionen hat. Fakt ist, dass sie hier jetzt Antritt, um den Klassenerhalt zu sichern. Und das machen sie gut. Sorin, De Jong und Demel sind aggressiv und lassen Bielfeld kaum Platz für Kreatives Offensivspiel. Und nach 10 Minuten ist es dann auch schon so weit. Westermann will einen langen Ball schlagen, rutscht weg, und der verunglückte Pass landet bei Sorin, der auf Laas und der in bester van der Vaart Manier sofort steil auf Luboja, der nimmt ihn Weltklasse mit dem rechten Oberschenkel mit uns zieht sofort aus vollem Lauf unhaltbar für Hain in dessen rechte untere Ecke ab! 0:1! Der Hamburger Anhang in Ekstase! Ich, der eben noch bei dem Rest der Reisegruppe gestanden habe, finde mich einige Stufen weiter unten wieder und wundere mich immer noch über den durchaus gelungen Spielzug meines Teams. Das war richtig guter Sport! Eigentlich ein optimaler Spielverlauf, der mut machen sollte. Und es geht gut weiter. Die vorhin schon angesprochenen 3 leisten gute Arbeit. Laas sorgt für das Kreative und wir lassen Bielefeld überhaupt nicht ins Spiel kommen. Einzig Zuma hat nach einem Freistoss sowas ähnliches wie eine Kopfballchance. Rost hat einen ziemlich ruhigren ersten Arbeitstag im HSV Kasten. In der Folgezeit können wir leider keine grösseren Chancen uns erarbeiten, aber ist ja auch egal. Wir führen 1:0 und Bielfeld hat keine Ideen. Halbzeit. Sieht gut aus, was ich sehe. Könnte heute zum zweiten Sieg reichen. Aber nichts ist so beständig wie die Lageänderung: Die Mannschaften betreten das Feld für die zweite Halbzeit und Feilhaber ist für Sorin im Spiel. Warum das? Nicht schon wieder verletzt! Irgendwie bringt das einen Bruch in unser Spiel. Die Arminia kommt immer besser ins Spiel und das vor allem über die Seite von Feilhaber. Der Junge steht einfach zu weit weg von seinem Gegner. Das geht in die Hose, dass ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber die erste dicke Chance haben wir: De Jong mit einem hohen Ball aus der Mitte (war wohl für Sanogo gedacht). Laas nimmt ihn mit der Brust mit, aber Ball springt einige Zentimeter zu weit weg, und so kommt Laas nicht mehr richtig an den Ball und zieht ihn weit drüber. Scheisse...das hätte es sein müssen. Bielfeld wird immer Stärker und eigentlich muss es gleich klingeln. Aber nach 60 Minuten steht es immer noch 0:1 und wir können uns wieder etwas frei schwimmen und den einen oder anderen (leider harmlosen) Konter ansetzen. Dann plötzlich: Der früh eingewechselte Borges mit einem riesigen Bock (wie Westermann vorm 0:1) Sanogo fängt den Ball ab, spielt auf Luboja, und der fast sich aus 20 Metern ein Herz und der Ball springt nur knapp am Arminen Tor vorbei. Vielleicht wäre hier der Pass auf Feilhaber cleverer gewesen. Hätte wenn und aber! Es bleibt beim 0:1. Wir stehe jetzt sicher und der zweite Auswärtssieg ist schon so gut wie in trockene Tüchern. Da pfeift der schlechte Schiedsrichter Weiner Freistoss für Arminia, weil Jarolim angeblich den Ball mit der Hand mitgenommen haben soll. Für mich sah Weiners erste Geste aber aus, als wenn er weiter spielen lassen wollte und erst auf Zuruf den Freistoss dann gepfiffen hatte. Naja, bis jetzt haben wir jeden Freistoss von Bielefeld raus geköpft. 40 Meter vorm HSV Tor läuft Korzynietz an, der Ball scheint 10 Minuten in der Luft zu sein, bis er dann weitergeleitet von Borges Kopf den Weg ins HSV Tor findet. Wir schreiben die 89 Minute...
Ich habe diese Saison schon oft versucht zu erklären, was bei Toren in der Schlussminute in einem vor sich geht. Und auch diesmal ist es die gleiche Leere, die einen erfüllt. Eine Leere, die so kalt und grausam ist und nur einen Frage offen lässt: Warum? Warum dürfen diese schlechten Bielfelder hier noch zum Ausgleich kommen? Warum wieder kurz vor Schluss? Warum ist Mathijsen nicht dichter bei Borges? Warum trifft Arminia zum ersten Mal nach 400 Minuten im heimischen Stadion ausgerechnet gegen uns? Warum habe ich kein anderes Hobby? Danach ist Schluss und wieder sind 2 Punkte weniger auf der Habenseite. Nachdem wir den ersten Schock verdauert haben, kommt es zu einer Diskusion mit Tim, der der Meinung ist, dass Arminia völlig zu recht nach den Ausgleich erzielt hat. Sieht man sich die Spielanteil an, muss ich Tim sogar Recht geben. Bielefeld war das Team, welches in der zweiten Halbzeit über weite Strecken gedrückt hatte. Aber dennoch hatten Sie hier kein gutes Spiel abgeliefert, keineswegs mehr Torchancen sich erarbeitet und überhaupt geht es hier ja nicht um die Frage, ob das verdient war oder nicht. Es geht nur noch darum, dass wir von den 17 Spielen in der Rückrunde 8 gewinnen müssen, um in der ersten Klasse zu bleiben. Und 5 Minuten vorher war das noch Sieg Nummer 1 gewesen! Ich bin Fan vom HSV und natürlich muss man vorsichtig mit der oft zitierten Vereinsbrille sein, aber mir ist es egal, ob mein Team verdient oder unverdient gewinnt. Hauptsache, es stehen nachher 3 Punkte zu Buche. Das ist alles was zählt!
Wir treten den Fussweg zurück zum Bahnhof an. Die ersten Minuten nach einem solchen Spiel möchte ich immer alleine mit mir und meinen Gedanken sein. Deshalb wird nur wenig gesprochen. In der Nähe vom Bahnhof entern wir einen Kneipe die leckere Croques und Frustbier verspricht. Und tatsächlich: Das Essen und Bier weiss zumindest bei mir zu gefallen. Um 19:38h fährt pünktlich der ICE Richtung Hannover ab und wir trinken noch den Rest Havana Club, der aber nicht annährend so gut wie auf der Hinreise schmeckt. Das Getränk trifft keine Schuld. Es ist der späte Ausgleich sowie die Siege von Mainz und Cottbus, die mir einen faden Beigeschmack in meinen Becher zaubern. Im ICE von Hannover nach Hamburg bekommen wir dann endlich unseren Tisch zum pokern. Und der steht auch noch in einem Abteil! Also vergeht die letzte Etappe dieser wirklich erlebnisreichen Tour wie im Fluge und man könnte sich fast ärgern, dass wir nicht in München gespielt haben. Denn dann hätte ich noch mehr Zeit gehabt, mir mein Geld wieder zurück zu erspielen.
Mittwoch gegen Cottbus. Das nächste Schicksalsspiel von noch 16 Schicksalsspielen!