Sonntag, April 29, 2007

München auswärts


Samstag, 28.April 2007. Es ist 4:20h und mein Wecker klingelt. Wie immer, wenn ich so früh aufstehen muss, erscheint es mir wie ein Hammer, der mit Mach 3 auf meinen Kopf nieder rast. Aber heute vergeht der Schmerz schneller, denn heute ist München! Das Spiel, auf das ich mich schon so lange gefreut habe. Es gab einen regen E-mail Verkehr unter der Woche zwischen den Mitfahrern. Tim und Groni (Diplomarbeit) sowie Steven und Wilhelm (Geburtstag) hatten angedroht, alkoholische Getränke auszugeben. Lars hatte sich ebenfalls angeboten, für Bier zu sorgen. Und bei den Mengen, die dort versprochen wurden, machten sich bei dem einen oder anderen schon Angstgefühle breit, ob wir überhaupt ins Stadion kommen würden. Die Ausgangslage für dieses Spiel war eigentlich die gleiche, wie für jedes spiel in dieser Saison. Eine Niederlage hätte uns wieder ganz unten rein ziehen können. Ein Punkt war Pflicht! Aber wie sollte das bewerkstelligt werden, bei den Leistungen der vergangenen Wochen? Dazu hatte Bayern letzte Woche in Stuttgart verloren und musste nun seine letzte Chance auf den CL Quali-Platz drei wahren. Die Unruhe um van der Vaart (Geht er nun nach München oder nicht?) machte die Sache nicht einfacher. Um 5:00h laufe ich zum S-Bahnhof Ohlsdorf, wo Tim und Malte schon auf mich warten. Wir fahren mit der S1 über Barmbek (hier steigen Steven und Groni) zum Hauptbahnhof. Nach einem Wechsel in die S21 kamen wir wenig später Dammtor an. Hier komplettierten Wilhelm und Lars unsere Gruppe. Lars war mit einer grossen Wernesgrüner Sporttasche voll Bier und einer Tupperschüssel Frikadellen angereist. Der Plan sah so aus, dass wir schon Dammtor in den ICE einsteigen wollten, um uns die besten Plätze zu sichern, bevor der Rest der Supporters ICE Reisegruppe dann am HBF einstieg. Leider waren wir nicht die einzigen, die diese Idee hatten und so mussten wir unseren Traum von 2 Vierertischen in ein 6 Mann Abteil tauschen. Hat aber der guten Stimmung nicht geschadet. Um kurz nach 6:00h gehen die ersten Biere auf und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Es sind heute ein 5 Liter Partyfass Becks, diverse 6er Träger Holsten und Jever, 2 Flaschen Havana Club sowie 0,5 L Kümmerling dabei. Das sollte vorerst reichen. Es dauert nicht lange, da ist auch schon der Pokertisch fertig aufgebaut. Mir graut es vor einer erneuten Niederlage! Ich bin offensichtlich für dieses Spiel nicht gemacht, weil ich kein taktisches Verständnis oder Bluffqualitäten habe. Aber egal, man will ja auch kein Spielverderber sein. Zum Glück bietet sich mir die, wenn auch nicht grosse, Chance, nach ein paar Runden all.in zu gehen. Zwei Buben lassen mich hoffen, dass es reichen könnte. Aber auch heute ist mal wieder kein Kraut gegen Malte gewachsen, der ein schier unglaubliches, nicht endendes Glück bei unseren Spielen zu haben scheint. Ich verliere natürlich und kann mich nun entspannt darauf konzentrieren, die Havana Club Reserven anzugreifen. Malte hatte noch Limetten besorgt, die dem Havana Club seine Schärfe etwas nehmen. Ein sehr leckeres Getränk! Die Zeit vergeht wie im Fluge und meine Vorfreude stellt sich als völlig berechtigt heraus. Malte ist (deutlicher) Chipleader, Steven weiss wieder mit lustigen Geschichten zu gefallen, Lars hält die Frequenz beim Bier trinken kontinuierlich auf einem hohen Niveau. Ich klöne mit Wilhelm etwas, der auch schon beim Poker ausgeschieden ist. Als die Uhr langsam auf 12h Mittags zugeht strahlen die Warnlampen in meinem Kopf hellrot! Der Havan Club hat seine Wirkung nicht verfehlt. Wir kommen pünktlich um kurz vor 12 in München an und müssen nun erstmal ein Schliessfach besorgen. Danach gilt es, die Münchener Innenstadt unsicher zu machen. Wir schlendern Richtung Augustiner Bierhalle und treffen hier schon auf reichlich HSV. Malte hatte erzählt, dass letztes Jahr keiner mit Fanartikeln zutritt zu zur Bierhalle hatte. Davon ist jetzt herzlich wenig zu merken. Die komplette Bierhalle ist restlos mit HSVern gefüllt, die auch ordentlich auf sich aufmerksam machen. Allerdings ist die Chance auf einen Platz relativ gering und ausserdem wollen wir lieber in einem Biergarten die Zeit bis zum Anpfiff totschlagen. So entschliessen wir uns nach einer Pinkelpause die Bierhalle wieder zu verlassen und schon mal in grobe Richtung Stadion mit der U-Bahn zu fahren. Der grosse FC Bayern hält es offensichtlich nicht für nötig, wenn er schon ein Stadion ausserhalb von München baut, ein Agreement mit den Münchener Verkehrsbetrieben zu schliessen. Und so müssen wir uns eigentlich eine Fahrkarte kaufen, aber auf Grund von Alkohol habe ich so eine gewisse leck-mich-am-Arsch Haltung und spare das Geld lieber. Alle anderen (ausser Malte) sehen dies genauso. Wir entschliessen uns, zur Station Münchener Freiheit zu fahren, um dort eine gemütliche Lokalität aufzusuchen. Ich vermute mal, dass wir wohl irgendwie die „Grosse Freiheit“ gesucht haben, ansonsten weiss ich nicht, wie die Wahl so schnell und einstimmig auf diese Station fallen konnte. Als wir die Station Münchener Freiheit erreichen, werden wir zunächst enttäuscht. Kneipen mit Biergärten sind hier Mangelware! Aber nach kurzem suchen und der Befragung einiger Passanten finden wir doch ein zwar sehr ruhiges aber dafür nettes Plätzchen. Der Laden scheint nicht gerade billig zu sein, aber das stört uns nicht. Die Bedienung begrüsst uns und nimmt die Getränkewünsche entgegen. Lars gibt gleich Vollgas und will die Telefonummer von ihr heraus bekommen. Sie lässt sich aber nicht erweichen und auch weitere Fragen von Lars lässt sie mit einem Lächeln an sich abprallen. Schade Lars, netter Versuch. Die Sonne brennt mittlerweile und ein paar von uns ziehen es vor, uns unter einen Schirm zurück zu ziehen. Sonst ist hier gleich Abpfiff! Zum Glück habe ich mich heute morgen gleich für kurze Hosen entschieden, so dass ich nicht wie Malte oder Lars meine Hosenbeine hochkrempeln muss. Ich weiss nicht, wie lange wir hier sitzen, aber es ist auf jeden Fall nur die Länge eines grossen Radlers. Malte begleicht die Rechnung aller. Danke dafür! Es muss um 14h herum sein, als wir wieder zurück zur U-Bahn gehen, um jetzt auch noch den restlichen Weg zum Stadion zurück zu legen. Die Bahn ist nun schon mit deutlich mehr Fussballfans gefüllt, so dass wir stehen müssen. Dabei stehen wir vor zwie richtig arroganten Bayern Fans, die sich wohl für gottähnliche Gestalten halten. Auf jeden Fall meinen Sie, jeden Gesang von anderen HSVer zu kommentieren und zu beantworten. Als ich mich dann anschicke, etwas für Schwule Bayern Fans zu singen, um den Arschgeigen zu vermitteln, dass sie gefälligst die Schnauze halten sollen, wird es das erste mal eng: Einer der Penner macht irgendwie eine komische Geste hinter meinem Rücken. Ich kann es nur im Augenwinkel erkennen, aber Malte sage gleich, dass die mich irgendwie andaddeln wollen. Darauf hin gebe ich dem Typ einen klapps auf seine hässliche Bayern Schirmmütze und meine zu ihm, dass er mich überhaupt gar nicht anzufassen hat. Bevor er überhaupt antworten kann, zieht Malte mich schon zur Seite. Jetzt ist wenigstens Ruhe im Karton. Man darf sich nicht immer alles gefallen lassen. Und solchen arroganten Wichser sind bei mir sowieso an der falschen Adresse. Wenig später erreichen wir Frötmanningen und steigen aus. Das Stadion liegt noch gute 15 Minuten zu Fuss entfernt. Wir geraten in eine Gruppe aus CFHH und Jungs von Poptown, die provozierend, eng zusammengeschlossen, im Verband Richtung Stadion unterwegs sind. Dies ruft gleich mal die Polizei auf den Plan, die von jetzt ab uns zu Fuss und mit einem VW Bus eskortiert. Die Bayernfans sind das allerletzte. Halten sich alle für die Könige der Welt, weil sie „Fans“ vom Rekordmeister sind. Da sieht man mal wieder ein grundlegendes Problem in unserer Gesellschaft: Der FC Bayern ist der Verein mit den meisten Mitgliedern, den meisten Fan Clubs und wohl auch mit den meisten sogenannten Fans. Aber warum? Was ist denn an diesem arroganten Haufen so besonders? Und was ist besser als z.B. bei 1860? Relativ leicht zu erklären: Sie sind am erfolgreichsten. Und leider gibt es sooo viele Menschen, die immer der Mannschaft die treue halten, die gerade oben steht, dass natürlich alle Bayern Fans sein wollen. Widerlich! Ich bin lieber Fan eines Vereins, der zwar nicht in Ansätzen so erfolgreich ist, aber mit dem ich mich identifizieren kann. Ich mache es mir damit nicht leicht, weil ich mir viel öfter Niederlagen meiner Mannschaft angucken muss, als jeder Bayern Fan. Aber immerhin bin ich ein echter Fan und gehe auch hin, wenn es nicht läuft. Wenn die Bayern irgendwann mal nicht mehr die Könige der Liga sind, werden die Leute weg bleiben und zu einem anderen Verein gehen, der dann oben ist. Eigentlich bleibt es dem FC Bayern zu wünschen, denn dann bleiben nur die wirklichen Fans über, die dann mit Leidenschaft ihr Team unterstützen. Allerdings spricht man in München wohl eher von Kunden, als von Fans oder Zuschauern. Fest steht, dass mich diese Bequemlichkeit („Ach, wir gewinnen sowieso!“) tierisch ankotzt und deshalb ist es so geil, dass sich der grosse FC Bayern nächste Saison höchstens im UEFA Cup wieder finden wird. Das Stadion, welches eher an ein UFO erinnert kommt immer näher. Die Allianz, oder besser gesagt, Arroganz-Arena ist kein schönes Stadion. Beckenbauer hat sich bei der Eröffnung hingestellt und gesagt, es wäre das schönste Stadion Europas. So langsam sollte der verwirrte alte Mann über das Aufhören nachdenken, denn seine Wahrnehmung mancher Dinge ist offensichtlich stark beschränkt! Natürlich ist es beeindruckend. Aber schön? 69000 Plätze verteilt auf drei Ränge. Aber dadurch, dass das Stadion von 1860 und Bayern genutzt wird, hat es kein Flair, keine wirkliche Identität. Bei uns steht in weiss „H S V“ auf den blauen Tribünen geschrieben. Hier ist alles neutral grau in grau! Langweilig! Wir passieren die Einlasskontrollen ohne Probleme. Eigentlich überraschend! Wir warten auf Steven, der sich noch Zigaretten kaufen will, als sich ein Gruppe besoffener Bayernfans uns nähert. Eigentlich war so richtig nur einer von denen besoffen, aber der ruft uns im vorbeigehen irgendwas auf Bayrisch zu. Ich frage ihn, ob er ein Problem hat und er, der schon an uns vorbei gelaufen war, macht auf dem Absatz kehrt. Sein Gesicht lässt vermuten, dass er zu allem bereit ist. Groni zeigt drohend mit dem Finger auf ihn und sagt, er solle verschwinden. In dem Moment erkennt der Typ die 5 anderen hinter mir und ist plötzlich lammzahm. Er nölt uns auf Bayrisch zu und ich verstehe kein Wort. Nach zwei Sätzen drehen wir ihn von uns weg und geben ihm einen Schubs in die Richtung seiner Jungs. Die nehmen in gleich auf und sind wohl froh, dass es nicht zum äussersten gekommen ist. Als Steven wieder da ist, wird die Geschichte zum Heldenepos unserer Gruppe aufgebauscht. Steven leitet uns zum Hacker Pschorr Fantreff. Das ist wirklich mal eine nette Einrichtung. Sieht aus, wie ein grosses Bierzelt im Stadion. Biertresen mit Bier- und Stehtischen. Allerdings dominiert auch hier die Farbe grau! Kann man nicht die Wände zu mindest mit den Bayrischen Landesfarben verschönern? Aber warum ablenken? Die Leute sollen hier schnell Bier kaufen und sich wieder verpissen! Die Preise sind übrigens o.k.: 0,5 L Hefe Weizen (aus richtigen Gläsern und nicht aus Plastikbechern) kosten EUR 3,90. Dafür nehmen sie es bei den Zigaretten nicht so genau: 5 Euro kostet hier die Schachtel. Es ist 15:00h uns so langsam müssen wir mal auf unsere Plätze. Wir sitzen im Oberrang, Block 341, Reihe 1. Wer gibt einem Stadion über 300 Blöcke? Wer soll sich da zurecht finden? Aber der Preis (EUR20.00) ist o.k.. Wir betreten das Stadion und wie vorhin schon erwähnt, ist der Blick auf das Rund schon beeindruckend, aber halt grau. In der Stadionshow überschüttet sich der FC Bayern wieder mit Eigenlob. Hoeness hat irgendwelches Geld gespendet. Toll, Glückwunsch! Kann er doch eh von der Steuer absetzten! Wir hängen unser Banner auf und wollen mal gucken, wie lange wir es hängen lassen dürfen. Denn in diesem Stadion ist natürlich auch jeder Fleck mit Werbung zugekleistert. Allianz hat alle (!!!) Werbebanden des B & C-Ranges besetzt. Als nach 10 Minuten (länger, als ich gedacht habe) dann der Ordner uns auffordert, das Banner wieder abzuhängen, meint Groni nur, dass das o.k. ist. Wir wollen ja nicht, dass Allianz hier 1 Quadratmeter seiner Werbefläche einbüssen muss. Da sagt der Typ hinter uns (auch HSV Fan) dass wir uns nicht so anstellen sollen. „Der Mann macht doch nur seinen Job!“ Oh Mann. Auf welcher Seite steht der eigentlich? Wir wollten ihn ja nicht umbringen! Aber wem sollen wir denn sonst unsere Meinung sagen? Leute schickt das Arbeitsamt...! Die Mannschaften sehen heute wie folgt aus: HSV: Rost - Benjamin, Abel, Mathijsen, Atouba - de Jong - Jarolim - Demel, Sorin - van der Vaart, Olic. Bayern: Kahn - Lell, Lucio, Demichelis, Lahm - Ottl - van Bommel - Salihamidzic, Karimi - Makaay, Pizarro. Nanu? Wo ist denn van Buyten? Will Hitzfeld ihn etwa vor den Pfiffen der bösen Hamburger schützen? Oder ist es etwa so, dass der schon seit langem in der Kritik stehende van Bolzen seinen Stammplatz verloren hat? Letzte Woche in Stuttgart war er massgeblich an beiden Treffern der Schwaben beteiligt und glänzte dort mit schwachem Stellungsspiel. Tja, er war ausgezogen, Titel zu gewinnen. Das wird (zumindest im ersten Jahr) schon mal nichts! Die Stimmung in der Arroganz Arena gleicht einem Friedhof. Die Mannschaftsaufstellung der Bayern kann keine Weisswurst vom Teller ziehen! So ist es halt, wenn man nur noch Kunden, und keine Fans mehr hat! Jagte mir die Mannschaftsaufstellung von Gladbach vor zwei Wochen noch einen Gänsehaut über den Rücken, so empfinde ich hier fast schon Mitleid. Das Spiel beginnt. Nicht nur auf den Rängen dominiert Hamburg, sondern auch auf dem Rasen. Ich traue meinen Augen kaum. Wir spielen die ersten Minuten richtig gut! Wir sind immer schneller am Ball als die roten. Aber in Minute 7 trotzdem die erste Chance für Bayern. Benjamin mit dem Fehlpass und Salihamidzic prüft aus 15 Metern Rost, der aber gut mit dem Fuss pariert. Danach Bayern ein Schatten ihrer selbst. Fehlpässe, Ballverluste. Wir gewinnen immer mehr an Sicherheit. Können aber leider auch nicht zu zwingenden Torszenen kommen. In Minute 20 dann ein weiter Ball auf Salihamidzic. Die Situation ist eigentlich schon so gut wie geklärt, da geht Mathijsen runter und foult Brazzo Elfmeterreif. Aber Schiri Kinnhöfer hat einen andere Meinung. Puh! Eine Minute später dann die erste richtig gute Möglichkeit für uns: der heute bessere, aber dennoch schwache Olic passt auf Jarolim, der alleine vor Kahn auftaucht. Er umkurvt den Keeper hat dann das leere Tor vor sich, aber Lell kratzt den Ball von der Linie. Scheisse! Das hätte es sein müssen! In Minute 24 dann ein Zufallsprodukt: Freistoss von van der Vaart, aber der Ball, der eigentlich als Flanke gedacht war, sänkt sich Richtung Tor, Kahn unterschätzt den Ball und dieser rauscht nur Zentimeter am Kasten vorbei. Ganz knappes Ding! 8 Minuten später dann die nächste riesen Möglichkeit. HSV spielt immer besser, Bayern wir immer verunsicherter! Sorin kommt bei 18 Metern an den Ball, nimmt ihn volley, Kahn ist schon geschlagen, aber Demichelis steht auf der Linie und kann klären! So langsam muss das Tor für uns fallen! Aber wie ist das immer mit den ungenutzten Chancen? Es rächt sich, wenn man diese nicht nutzt! Der heute ganz schwache Lahm flankt, Kuddel Muddel im Strafraum, Makaay schiesst, wird aber abgeblockt, danach Salihamidzic, aber auch der Schuss bleibt hängen. Die Bayern reklamieren Handspiel, während der Ball frei am 5 Meter Raum liegt. Pizarro hat leichtes Spiel, ihn über die Linie zu drücken: 1:0! Unverdienter geht es kaum! Im Block neben uns springt ein Typ mit Bayern Trikot und Seppelmütze auf und feiert den Treffer! So eine Frechheit. Wenn der vor mir sitzen würde, könnte er sich seine bescheuerte Mütze vom B-Rang wieder holen! Halbzeit! Mein Mund ist staubtrocken! Aber ich kann mir kein Wasser kaufen, weil die hier auch so ein bescheuertes Checkkartensystem haben. Das unterstütze ich auf keinen Fall. Die Karte muss man mit mindestens 10 Euro auffüllen. Was für einen Frechheit. Ich gehe auf Toilette und spüle mir den Mund mit Wasser aus. Wasser – Das Elixier des Lebens. Bin trotzdem ziemlich platt und weiss gar nicht, wie ich den Ausgleich gleich feiern soll!?! Das der fällt, daran zweifle ich nicht. Wir sind so überlegen, der muss früher oder später fallen! Als ich wieder auf den Platz komme, sehe ich Lars, der mit der blonden neben sich heftigst flirtet. Na, dann mal los! Nach dem Wechsel geht es so weiter, wie in Durchgang eins. Genauso? Nein, nicht ganz. Bayern ist noch schlechter. Hitzfeld hat wohl nicht die richtigen Worte gefunden. Aber ich habe den halt noch nie für einen guten Trainer gehalten. Das, was hier abläuft, hätte Magath auch hinbekommen. In der 63. Minute flankt Jarolim von rechts, Sorin steigt hoch, erwischt den Ball völlig freistehend aber nicht richtig, so dass Kahn parieren kann. Eine Minute später taucht van Bommel vor Rost auf, aber der Hamburger entschärft seinen Schuss. Es bricht die Zeit der Wechsel an: bereits in Minute 56. Mahdavikia für den starken Demel, 69. Guerrero für de Jong. Jetzt bricht unsere Zeit an: 72 Minute: Sorin mit pass auf Raffi. Der steht 20 Meter vor Kahns Tor, nimmt den Ball mit rechts an, dieser springt etwas hoch und Rafael zieht mit links sofort ab. Das Spielgerät beschreibt eine gerade Linie in den rechten oberen Winkel. Kahn völlig machtlos. 1:1! Ein schier unglaubliches Tor lässt die mitgereisten Hamburger ausrasten! Rafael läuft zur Bank, schlägt sich immer wieder mit der Faust auf die Raute und zeigt an, ich bin HSVer und bleibe es auch! Hoffentlich nicht nur eine Geste, ich möchte es ihm so gerne glauben und kämpfe mit den Tränen. Neben mir sind schon alle Dämme gebrochen: Tim, Malte und Wilhelm liegen sich in den Armen, auf der anderen Seite Groni und Lars. Ich schnappe mir den ersten, den ich zu fassen kriege und schliesse meine Augen. Der Jubel ist unbeschreiblich! Als sich die Wogen geglättet haben und nur noch der Hamburger Auswärtsbereich zu hören ist (ist aber auch nicht schwer bei dem, was die Bayern Fans hier abliefern) geht es gleich in die nächste Runde! 76. Minute: Rost hat den Ball auf Höhe der Torauslinie (!!!) und tanzt einen Bayernspieler (ich glaube van Bommel) aus. Mir bleibt fast das Herz stehen. Rost schlägt jetzt den Ball raus, und dieser landet bei Guerrero. Paolo ist auf Grund von einem Stellungsfehler Lucios plötzlich durch und auf den Weg zum Tor von Kahn. Er schüttelt Lucio ab, lässt sich aber dennoch für meinen Geschmack zu weit nach links raustreiben. Als er bei ca. 16 Metern ist, schiesst er den Ball vorbei an Kahn ins rechte obere Eck! 1:2! Jetzt gibt es kein halten mehr. Um mich herum bricht alles zusammen. Da ist es wieder, dieses dumpfe Grollen, welches nur Menschen von sich geben, die sich im Abstiegskampf befinden. Ein Mix aus AAAAHHHH, TOOOR, oder TOOOOAAAARRRRH umgibt mich. Guerrero indes steht vor der Bayernkurve und jubelt nicht. Es ist eine Art Ehrenkodex, dass Spieler, die ein Tor gegen ihren Ex-Verein, dem sie etwas zu verdanken haben, oder für den sie immer noch etwas empfinden, ein Tor machen, nicht jubeln. Und das macht Guerrero auch nicht. Die Bayern haben ihn zum Bundesligaspieler gemacht, was er nicht vergessen hat. So viel Charakter hätte ich ihm nicht zugetraut. Was für ihn gilt, gilt aber noch lange nicht für uns. Ich schaue mich zu Malte, Tim und Wilhelm um und sehe ihre verzerrten Gesichter. Die Raute im Herzen? Auf jeden Fall! Über Groni brauche ich nicht sprechen, er umarmt mich wieder brüderlich und ich bin mir fast sicher, dass hier und heute nichts mehr anbrennt. Weit gefehlt: Van Bommel und Pizarro haben noch gute Möglichkeiten, bevor in der 90. Minute Atouba nach wiederholtem Foulspiel mit Gelb/Rot runter muss. Leider muss ich sagen, dass diese mehr als gerechtfertigt war, nachdem er in Hälfte eins schon gut hingelangt hatte. Während er vom Platz geht, dirigiert er noch die Abwehr und wird vom Hamburger Anhang gefeiert. Von uns nicht. Wir verzeihen nicht so schnell... 92. Minute. Gronis Mutter ruft an und gratuliert zum Gewinn...die Partie läuft aber noch, so dass Groni sie mit den Wort abwimmelt: „Wir spielen noch“ Zack, aufgelegt. In der gefühlten 160ten Minute schraubt sich Santa Cruz nochmal hoch, aber Rost kratzt den Ball von der Linie und klärt ins aus! Weltklasse! Abpfiff! Was für ein Show Down! 1:2 gewonnen! Einige HSV Spieler brechen auf dem Rasen zusammen. Wir haben hier heute nicht mit Glück, sonder völlig verdient gewonnen. Das Feiern nach dem Abpfiff vor der Kurve wird durch die laute Musik kaputt gemacht. Danke! Wir machen uns rasch wieder auf den Weg zum HBF. 18:53h soll unser Zug schon wieder in Richtung schönste Stadt fahren. Wir verlassen das Stadion und mir fallen die vielen kleinen Kinder auf, die fast jeder eine FC Bayern Megastore Tüte in der Hand haben. Ich denke, dass ist mindestens genauso wichtig für Hoeness wie ein Sieg: Hauptsache jeder hat einen Schal, T-Shirt oder Mütze gekauft. Der Rubel muss rollen. Dann tauchen in den Massen zwei gestalten mit dem Weltpokalsiegerbesieger Shirt auf. Was glauben die denn, wer sie sind? Wollen sich hier mit allen anlegen, oder was? Mit den Bayernfans, weil sie das Shirt von ST.Ps 2:1 gegen die Bayern vor etlichen Jahren anhaben, und mit uns, weil sie ein ST.P Shirt anhaben. So gleich erklingt auch das allseits beliebte:“ SCHEISS ST.PAULI! SCHEISS ST.PAULI!“ Die Typen und ihre hässlichen Frauen drehen sich um und grinsen uns doof an. Malte hat noch ein paar Nettigkeiten für sie übrig, aber dann lassen wir sie in Ruhe. Arme Gestalten! Dank Steven sind wir schnell am Bahnhof und besteigen die erste Bahn Richtung Innenstadt. In der Bahn werden wir getrennt, Wilhelm und ich sitzen am anderen Ende des Waggon, bekommen aber dennoch alles mit, was sich bei den anderen Jungs abspielt. Steven gibt wieder lustige Songs zum besten, die das ganze Abteil lächeln lassen. Dann kommen die Jungs mit einem offensichtlich völlig verwirrten Bayern Fan ins Gespräch, der behauptet, van Bommel hätte Madrid alleine abgeschossen. Was der Typ wirklich meinte war, dass van Buyten in Mailand zwei Tore gemacht hat. Ist schon nicht einfach mit den ganzen van und von! Und Madrid und Mailand sind nun wirklich auch sehr ähnlich. Also bemerkt Groni sehr richtig:“ Boah, zum Glück kommt van der Vaart nicht zu euch. Sonst wärst du ja völlig verwirrt!“ Ich fange an zu lachen. Herrlich! Am Odeonsplatz steigen wir um und sind bald am Hauptbahnhof. Eine wirklich sehr lustige U-Bahn fahrt geht zu Ende. Malte und Steven performen Weltklasse: Sie imitieren einen gebückten Laufstil und singen dabei „So gehn die Münchener, die Münchener gehn so!“ Danach bauen sie sich auf, Brust raus und singen „Und so gehn die Hamburger, die Hamburger gehn so!“ Weltklasse! Am Münchener Hauptbahnhof besorgt sich jeder noch etwas Proviant. Ich habe ein etwas schlechtes Gewissen, weil ich nur an mich denke. Aber ich habe einen solchen Hunger... Groni kauft Bier! Diverse 0,5 L Dosen Becks für teuer Geld. Malte kauft Brezel und Lars trauert immer noch seinen Frikadellen hinterher, die wir auf der Hinfahrt aufgemampft haben. Jungs, es gleicht sich alles im Laufe einer Saison aus. Das nächste mal bezahle ich. Versprochen! Tim hält uns ein Abteil frei, so dass uns bis Hannover nichts mehr passieren kann. Der Alkohol fliesst jetzt in Strömen, die Stimmung im ICE ist grandios. Wann immer Menschen mit Bayern Trikot vorbei laufen, trällern wir das Lied: „IHR SEID NUR EIN PUNKTELIEFERANT!“. Niels Kuhlwein vom 1887 Shop preist uns noch den neuen „Fick dich, van Buyten“ Schal an, aber wir lehnen dankend ab. Steven ist jetzt so richtig in Gesangslaune und trällert einen Hit nach dem Nächsten. Dieser Typ hat, wie wohl alle Engländer, ein äusserst überzeugendes Organ. Weltklasse! Poker wird nicht mehr gespielt. Irgendwie bin ich nicht traurig drum. Als wir in Hannover um kurz vor Mitternacht ankommen, sind sämtliche Bierreserven aufgebraucht. Der Havana Club ist schon lange alle. In Hannover steigen wir unter lautem Gesang um. Wer bei den Bayern gewinnt, darf gerne mal die Fresse aufreissen. Aus dem ICE, in den wir jetzt einsteigen, kommen ein paar 96 Fans, die gerade in Mainz gewonnen haben. Es kommt zu Verbrüderungsszenen. 96 und wir stehen uns halt nahe. Wir entern zwischenzeitlich den Bar Wagen des ICE Richtung Hamburg und singen die nächste Stunde mit den Mega Hamburgern Kiel und anderen HSVern durch. Ein einmaliges Erlebnis! Um 0:00h gibt es ein Ständchen für Wilhelm, der jetzt Geburtstag hat. Dieser lässt sich nicht lumpen und spendiert erneut Bier. Um 1:20h steigen Groni, Steven, Malte dann aus. Wilhelm, Tim und ich Dammtor, Lars fährt noch bis Altona. Tim und ich treten den Rest der Reise mit der U1 nach Hause an, während Wilhelm sich ein Taxi nimmt. Als ich dann Ohlsdorf aussteige und nach Hause wanke, merke ich erst, wie voll ich schon wieder/immer noch bin. Was für ein Tag! Jeder, der diese Tour verpasst hat, hat wirklich etwas verpasst. Ich fand es super. Danke Jungs! Und mit dem Abstieg haben wir jetzt wohl wirklich nichts mehr zu tun. Samstag kommt Bochum und wir können endlich mal entspannt ins Stadion gehen. Oder?