
„Mit nem Südwester auf und Gummistiefeln an, so geht die Reise los...“ Dieser Klassiker einer deutschen Rockband hätte (leicht abgewandelt) das Motto für dieses Spiel sein können. Wasserball auswärts! Unter der Woche gab es reichlich Knatsch auf Medienseite, weil die Herren Pressevertreter immer noch beleidigt waren, dass sie am vergangenen Montag von der JHV des HSV ausgeschlossen wurden. Vielleicht hatte das ganze einen positiven Nebeneffekt: Es wurde so viel auf dem „zweiten Chaosclub in der Stadt“, seinen Mitgliedern (den übermächtigen Supporters) und dem Vorstand herumgehackt, dass die Mannschaft sich endlich mal auf das wesentliche konzentrieren konnte: Fussball spielen! Das war auch bitter nötig. 9 Unentschieden, nur ein Sieg. Kein Heimsieg. Gab es das überhaupt schon mal in der Vereinsgeschichte? Ich behaupte nicht! Die Leserschaft ist natürlich wie immer aufgerufen, mich von dem Gegenteil zu überzeugen.
Und so begab es sich, dass ich eine sehr günstige Alternative zu diesem Spiel anbieten konnte: Einen Sharan meiner glorreichen Firma. Um 7:10h wurden dann also Nina Gravert, Groni und Steven von mir und Julie abgeholt. Um 7:40h waren noch Nina Lahrz und Tim dran. Der Typ, von dem ich mir dieses Gefährt ausgeliehen hatte, meinte zwar, dass es mit 7 Leute relativ eng werden würde, aber im Grunde hatte nur Groni in der letzten Reihe seine Probleme. Aber mal ehrlich: in welchem Handelsüblichen Auto hat jemand von seiner Grösse keine Probleme? Steven und Groni rücken gleich mal mit 2 Kästen Bier an währen sich die Damen auf Martini/Sprite konzentrierten. Und Tim? Tja, der lebt ja immer noch enthaltsam. Um 8:00h waren wir auf der Bahn und somit on time! Im Grunde passierte auf der Hintour nicht wirklich viel spannendes. Steven versuchte, seinen Einbecker Kasten so leer wie möglich zu bekommen und bekam anfangs nur wenig Unterstützung von Groni, der nämlich der Meinung war „im Auto saufen ist assig!“ So viel vorweg: Als ich ihn ca. 16 Stunden später wieder zuhause raus gelassen habe, war er gut dabei! Steven hatte noch sein Navi mitgebracht, allerdings hätten wir den Ärger schon kommen sehen müssen: Die Software war gute 2 Jahre alt und so begannen dann ab Wuppertal die ersten Probleme. Hier mal ne Abfahrt verpasst, dort mal eine Autobahn gesperrt, und als Sahnehäuptchen mal eine Verkehrsführung geändert. Ich glaube, wir haben so einige Umwege genommen, die nicht Not getan hätten. Zumal Groni, der später mein Beifahrer war, der Technik nicht mehr besonders viel Glauben schenkten und lieber selber „nach Gefühl“ fuhren... Gegen 13:00h erreichten wir dann das Ortsschild von Aachen. Kurzer Stop beim Burger König zwecks Wasserlassens einiger und Nahrungsaufnahme von mir! Danach musste noch die Konkurenzveranstalltung aufgesucht werden, da offensichtlich einige aus unserer Reisegruppe eine Abneigung gegen den Burger König hegten. Ich indes hatte schon ein komisches Gefühl im Magen. Was ist, wenn wir auch dieses Spiel nicht gewinnen? Was ist, wenn wir uns heute eine klatsche einfangen? Ist Doll dann weg? Sind wir dann schon abgestiegen? Sehe ich mein Team dann Montags auf DSF? Es muss wohl gegen 14:00h gewesen sein, als wir uns zu Fuss von eben jenem McDo zum Stadion aufmachten. Netterweise hielt ein Bus des Aachener Verkehrsverbandes mit der Aufschrift „Tivoli“ auf Handzeichen von Groni direkt neben uns an. Jetzt würde sich zeigen, ob der Familienvater, den Groni eben noch nach dem Weg gefragt hatte, uns mit „10 Minuten Fussmarsch“ verarschen wollte, oder recht hatte. Also, 10 Minuten waren es nicht. Die Busodyssee dauerte mindestens 30 Minuten. Allerdings fuhr der bus auch für uns nicht nachvollziehbare Umwege, so dass wir beim Aussteigen am Stadion komplett die Orientierung verloren hatte. Hatte ich schon erwähnt, dass es Bindfäden regnete? Das ist doch mal ein toller Abschluss zur Hinserie meiner 34er: 90 Minuten Fussball im strömenden Regen. Ich glaube, der Eindruck eines Stadions steht und fällt mit den äusserlichen Erscheinungen. Der Aachener Tivoli wird mir in keiner guten Erinnerung bleiben. Vorm Stadion treffen wir noch Simon plus Anhang. Danach heisst es bei 8 Grad und Dauerregen Schlange stehen. Es roch weder nach Bier und Sieg, noch nach Sensation. Irgendwann hatten wir auch die Einlasskontrollen hinter uns gebracht und machten uns nun auf die Suche nach einem geeigneten Stehplatz. Ein reichlich schwieriges Unterfangen, wenn man erst um 15:10h das Stadion betritt. Ich möchte die Verhältnisse mit einem kleinen Stadion am Heiligen Geistfeld vergleichen. Einfach nicht erstligatauglich! Die Auswärtsfans eingesperrt in einen Käfig aus provisorisch aufgestellt Zäunen, deren Standfestigkeit das einen oder andere Mal von den mitgereisten Hamburgern überprüft wurde. Dazu eine Lautsprecheranlage, die wohl kaum behinderter aufgehängt werden konnte: auf Augenhöhe mit dem Grossteil des Gästebereichs! Bravo, liebe Aachener! Das habt ihr toll gemacht. Warum denn die Boxen ganz oben oder ganz unten anbringen, wenn man sie genauso gut mitten ins Sichtfeld hängen kann? Das gibt die Note 6, setzten! Es regnet übrigens...und wir sich jetzt schon ziemlich nass. Und das Spiel hat noch nicht mal begonnen... Der HSV beginnt wieder mit Volker Schmidt auf rechts, Benjamin links. Mathijsen und Reinhard bilden wieder die Innenverteidigung. Recht Mehdi, dann Jarolim, Laas und Trochowski. Vorne mit Berisha und Sanogo. Eigentlich ist doch das auch eine Mannschaft, die sich locker im Mittelfeld der Liga halten müsste, oder? Was uns die nächsten 90 Minuten erwarten sollte, wagten wir noch nicht zu träumen. Ein Wechselbad der Gefühle! Wer am Montag das Hamburger Abendblatt gelesen hat, dem erzähle ich jetzt nichts Neues. Aber dort ist einfach ein guter Überblick über die Fülle an Möglichkeiten. Und den mache ich mir jetzt zu nutzen: Den Auftakt macht der Gast aus Hamburg, als Sanogo aus ganz spitzem Winkel von der rechten Seite aus 10 Metern per Flachschuss den Außenpfosten trifft (6.) 10. Minute: Trochowski Freistoss von Links, Heidrich prüft seinen Schlussmann, der aber den Ball an die Latte und somit zur Ecke lenkt. 14. Minute: Berisha auf Sanogo (die beiden harmonieren gut, wie ich finde) aber das Bobby Car setzt den Heber frei vor Aachens Torwart Straub zu hoch an. 18. Minute: Diesmal Berisha frei vor Straub, aber er macht es nicht besser als Sanogo. Dieser kann auch den Nachschuss nicht im Kasten unterbringen! So langsam darf es mal klingeln! Und das tut es auch fast: Fiel aus 26 Metern aber Wächter lenkt zur Ecke. Diese köpft dann Stehle aufs lange Eck, doch Wächter entschärft auch diesen Ball. Mann o Mann! Offensichtlich scheint die Torwartdiskussion Wächter zu motivieren! Vielleicht hält er heute mal einen Sieg fest... 22 Minute: Jarolim auf Sanogo, der lässt clever durch, so dass Berisha frei vor Straub auftaucht, aber er schafft es wieder nicht, den Ball am Aachener Kepper vorbei zu bringen! Das rächt sich, denke ich mir! Und dann ist es fast soweit! 25 Minute: Schlaudraff, der übrigens als einziger bei Aachen was kann, flankt von rechts, und Ebbers braucht den Ball aus 1,50m nur noch über die Linie drücken. Zum Erstaunen von 20800 haut er aber irgendwie am Ball vorbei. Oh mein Gott! Das wäre fast das 1:0 gewesen. 5 Minuten später wieder so ein Ding vom besten Hamburger Ebbers: Freistoss von rechts, Ebbers mit Volleyabnahme aber er zieht aus 6 Metern am Tor vorbei. Das waren die Grosschancen 6 und 7, die der Aachener in dieser Saison nicht im gegnerischen Kasten unterbringen kann...so darf es weiter gehen! Dann endlich die Erlösung: Laas flankt in den Strafraum, Heidrich köpft Sanogo an, von dem prallt der Ball genau vor die Füsse von Berisha und zeiht ohne lang zu fackeln flach aus 11 Metern ab – 0:1! Manuel Gräfe zeigt nicht sofort zur Mittellinie aber der Linienrichter hat die Fahne unten. Diese etwas kuriose Situation lässt Groni nicht jubeln. Dafür die mitgereisten Hamburger, die gleich mal den Zaun neben mir zum Schwingen bringen. Wer kennt es nicht, das Gefühl, wenn man nach einen Regen unter einem Baum steht und man zieht dann an den Ästen. Dann steht man gleich wieder im Regen. So geht es mir auch, weil der Zaun oben wie ein V geformt ist. Nach dem Torjubel bin ich noch nasser als vorher. Aber was solls! Vor der Pause nur noch eine Chance, als Sanogo nach einer Laas Ecke knapp am Tor vorbei köpft. Halbzeit. Sieht man es realistisch, müsste es hier 3:2 für HSV stehen, aber es steht nur 0:1, womit ich gut leben kann. Viele Fehler beider Abwehreihen haben diese Vielzahl an Tormöglichkeiten zugelassen. Die Trainer werden schon die passenden Worte finden, damit das nicht wieder passiert...denkste: 51 Minute: Gewaltschuss von Laas, aber Straub hält. Dann die 61 Minute: Ecke für Aachen. Es wird gezogen und gedrückt. Das bekannte bild in der Bundesliga. Plötzlich kommen Benjamin und der Aachener Klitzpera zu fall. Gräfe zeigt in den Strafraum: Spieler und Zuschauer sind sich einig: Er meint wohl Abstoss. Aber plötzlich wird klar, dass er auf den Punkt zeigt! Geiles Ding! Angeblich hätte Benjamin Fussball mit Ringen verwechselt und Klitzpera im Griechisch/Römischen Stil auf die Matte gezwungen. Von unserem Platz (mit den tollen Lautsprechern) schlecht zu beurteilen. Der Rest ist Formsache: Reghecampf zieht flach ab – 1:1! 5 Minuten später macht Collin seinen Fehler aber wieder gut: Flanke vom jetzt immer stärker werdenden Mahdaviakia auf den zweiten Pfosten, wo Benjamin angeflogen kommt und per Kopf den Ball über die Linie drückt – 1:2! Grenzenloser Jubel im Auswärtsbereich! Und da ist es wieder, diese Gefühl, warum ich diesen ganzen Zirkus überhaupt mache! Adrenalin pur! Tim reisst mir meine Kapuze ab! Es lebe der Druckknopf! Und ich umarme einen Typen, den ich noch nie gesehen habe, und mit dem ich noch nie ein Wort gewechselt habe! Alle Hamburger liegen sich in den Armen. Uns sofort erschallt es wieder aus den ca. 2000 Hamburger Kehlen:“ AUSWÄRTSSIEG! AUSWÄRTSSIEG!“ Jetzt geht die Post erst richtig ab: 70 Minute: Trochowski tankt sich links durch, aber sein Schuss verfehlt knapp den Kasten! Wir alle müssen uns weit vorbeugen und aus Zehenspitzen stehen, damit wir diese Szene beobachten können. Als der Ball am Tor vorbei fliegt. Wankt die Masse noch eine Stufe nach unten und es raunt laut „Ohhh“! Jetzt ist jeder im Auswärtsbereich voll drauf „HSV! HSV!“ hallte es durch den Tivoli! 76. Minute: Trochowski steil auf Luboja (Huch, wir können sogar Konter spielen!!!) und der hat etwas Glück, als der Ball von Straub ins Tor springt! 1:3! Wieder ein heilloses Durcheinander! Keiner steht mehr da, wo er noch am Anfang der zweiten Halbzeit gestanden hat. Ich mache mir sorgen um Julie, die ja bekanntlich kein Freund von Massenansammlungen ist und umarme sie möglichst schnell nach jedem Treffer, damit die nicht der Masse „zum Opfer fällt“! Danach drückt Groni mich väterlich an seine Brust als wenn er sagen wollte: Das war’s! Ich bin mir auch sicher, dass wir heute die Wende zum Besseren geschafft haben. Und habe noch gar nicht ganz zu Ende gedacht, da köpft Reghecampf Wächter an, der noch parieren kann, aber beim Nachschuss von Fiel machtlos ist – 2:3. Ich sehe, wie die Aachener, die schon auf dem Heimweg sind, wieder zurück zu ihren Plätzen laufen. Jetzt hat die Meute wieder Blut geleckt. Der HSV jetzt fast wie gelähmt und noch sind es 13 Minuten. Muss das denn immer sein? Die Jungs sind jetzt scheinbar stehend k.o. und der Auswärtsberiech wirkt die Gelähmt. 88. Minute: Herzig köpft nach einer Ecke aufs HSV Tor, und der Torschrei liegt den Aachenern auf den Lippen, aber Wächter entschärft zu meiner Begeisterung diesen Ball noch. Ja, heute hält er den Sieg fest! Ganz bestimmt! 90 Minute. Schlaudraff flankt von links. Eigentlich ungefährlich, weil Reinhardt ist ja da! Er taucht runter und kann den Ball in irgendeine Himmelsrichtung klären. Danach würde Gräfe abpfeifen und wir würden die Zäune stürmen! Also, Reinhardt springt, der Ball rutscht ihm über den Schädel und trifft genau in die untere Rechte Ecke... 3:3!
Ich glaube, das Spiel dauerte danach noch 3 oder 4 Minuten, aber das habe ich nicht mehr mitbekommen. Ich war damit beschäftigt, die Fassung nicht zu verlieren. Der Stachel sass so tief im Herzen wie selten zuvor. Vielleicht war es genauso schlimm, wie damals, in der Saison 97/98 auf dem Betzenberg, als wir bis 15 Minuten vor Schluss noch 1:0 führten (Salihamidzic war der Torschütze) und trotzdem noch 2:1 verloren. Der Siegtreffer fiel in der 90 Minute. Malte wird sich dran erinnern... Nach dem ersten Spiel im neuen Jahr (3:0 Niederlage in München mit schnellstem Bundesligator der Geschichte) waren wir Letzter mit 20 Punkten. Heute sind wir Vorletzter mit 13 Punkten nach 17 Spieltagen! Damals hiesse die Männer, die den Abstieg verhindern sollten Richard Golz, Sven Kmetsch, Hasan Salihamidzic, Andrej Panadic, Andreas Zeyer, Andreas Fischer, Ingo Hertzsch, Stefan Böger, Anthony Yeboah, Harald Spörl und Stefan Schnoor! Heute heissen sie: Stefan Wächter, Mehdi Mahdavikia, Vincent Kompany, Bastian Reinhardt, Thimothee Atouba, Nigel de Jong, Guy Demel, David Jarolim, Rafael van der Vaart, Boubacar Sanogo oder Paolo Guerrero. Es darf sich an dieser Stelle jeder selber seine Gedanken machen, welche Mannschaft wohl besser ist. Auf dem Papier ist es, denke ich, eindeutig. Aber waren die Herren aus der Saison 98/99 vielleicht die nervenstärkeren im Abstiegskampf?
Der Weg Richtung Auto zog sich ins schier unendliche. Wie sage Groni noch, asl wir dann endlich wieder den Mc Do erreichten, wo alles beagnn: Einziges Problem ist, dass wir am anderen Ende der Republik sind! Wie wahr, wie wahr! Nachdem die Klamotten (und Tränen) halbwegs wieder getrocknet waren, machten wir uns auf den Heimweg. Leider verhädderten wir uns wieder einige Male in dem Gewirr aus Autobahnen im Bereich Mönchengladbach, so dass uns wenig später nichts übrig blieb, als der veralteten Technik zu trauen. Ein Grossteil der Reisegruppe versuchte den Frust mit alkoholischen Getränken runter zu spülen, was vor allem Steven und Groni doch recht gut gelang. Es war allerdings Steven, der noch das eine oder ander Liedchen zum Besten gab, während die Busbesatzung einfach nur lauschte und sich amüsierte. Runing Gag dabei wurde die Plattdeutsche Version der Szene aus „Das Imperium schlägt zurück“ als Lord Vader Skywalker sagt, dass er sein Vater wäre: Luke, ik mut die wat vertellen: Ik bin din Vadder!“ Grossartig.
Zur Geisterstunde erreichten wir, nach einer grossartigen fahrerischen Leistung von mir (hö hö) die Hansestadt mit der Erkenntnis, dass 2007 ein verdammt hartes erstes Halbjahr für uns bereit hält. Vielleicht mit Thomas Doll, vielleicht auch ohne. Nach der Leistung in Aachen bin ich mir nicht sicher, ob man ihn feuern sollte. Die Mannschaft hat gefightet und sich als Einheit präsentiert. Einzig das Glück hat am Ende gefehlt. Fraglich, ob es mit Doll überhaupt wieder zurück kommt.
Am Sonntag macht Werder die Herbstmeisterschaft klar. 36 Punkte stehen zu Buche! Zum Vergleich: Vor einem Jahr hatten wir 38 Punkte...
Ich wünsche Euchund Euren Familien frohe Festtage und einen guten Rutsch ins vielleicht schwierigste Jahr der Vereinsgeschichte.