Im Norden nichts Neues. Wieder kein Sieg. Wieder keine durchweg gute Leistung, und trotzdem besser als der Gegner. Immer noch die gleichen Durchhalteparolen. Im Moment unterscheiden sich die Spiele nur in einer Sache: Im Ergebnis.
Es ist Samstag, der 11.11.2006. Die blöden Rheinländer feiern den beginn der fünften Jahreszeit. Wie ich es hasse, diesen Karneval. Was berechtigt eine ganze Region, mit einer Papnase auf und 2,8 Promille im Blut die Frau oder den Mann zu betrügen, und zu glauben, es wäre o.k.? Hat mal jemand von euch versucht, beruflich am Rosenmontag in Düsseldorf was zu erreichen? Keine Chance. Da lobe ich mir doch die norddeutsche Unterkühlung, sofern es die überhaupt gibt. Ich schlage die HSV Live auf. Die Jungs haben zur Zeit auch keinen einfachen Job. Die müssen ständig gute Laune verbreiten und zusehen, dass der gelegentliche Stadionbesucher dieses Blatt kauft, und hinterher meint, alles sei in Bester Ordnung. Aber am vorzeitigen CL Aus können auch die Künstler aus der HSV Live Redaktion nicht mehr vorbei reden. Warum allerdings Benny Feilhaber mit Lobeshymnen überschüttet wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Zitat:“ Der Sieger der letzten Wochen heisst Benny Feilhaber. [...] Ruhig, abgeklärt, souverän – so präsentiert sich die 20-jährige Nachwuchshoffnung im zentralen defensiven Mittelfeld“ Zitat Ende. Klar: Er macht heute sein sechtes Bundesligaspiel. Und er ist 20 Jahre alt. Aber hat denn durch Ballverluste die letzten beiden Niederlagen eingeleitet? Ich gebe ihm nicht alleine die Schuld an den Pleiten in Wolfsburg und Stuttgart. Da müssen sich andere, gestandene Bundesligaspieler wohl eher an die Nase fassen. Aber wenn man die Mannschaft nicht kennt, dann muss man glatt denken, dass Feilhaber hier der bester 6er Europas ist. Ne, Jungs, sowas muss nicht sein. Flo holt mich gegen 13:15h ab, und ich muss mich wohl oder übel von der Couch erheben, obwohl dich die heutige folge von „Britt“ gerne zu ende gesehen hätte. Heute ein neues Ritual, was ich etablieren möchte, umd endlich mal zu gewinnen: Schuhe putzen. Vielleicht bringt es ja was. Wir machen uns auf den Weg zum Stadion. Flo fährt. Als wir Eidelstedt sind, erkennen wir, dass es eigentlich ja noch viel zu früh ist, um schon ins Stadion zu gehen. Also noch ein kleiner Abstecher durch den nahen McDrive. 4 Cheeseburger, 2 Chickenburger und 2 Bier (aus 0,33 L Pappbechern, mit Strohhalm!!!) können wir wenig später unser Eigen nennen. Ja, sehr lecker, dieses Holsten mal etwas anders zu trinken... Im Stadion treffen wir noch Flo Arbeitskollegin und ihren Mann, der Gladbach Fan ist. Eigentlich ein netter Kerl, kann ja nicht jeder perfekt sein. Und so halte ich mich auch dezent zurück, als es gilt, sich zu verabschieden und dem anderen Glück fürs Spiel zu wünschen. Natürlich wünsche ich dem kein Glück! Hier geht es heute um sehr viel, und da können wir wirklich kein Glück auf der anderen Seite gebrauchen. Wenig später treffen wir Groni und Lars vorm Supporters Stand. Groni hat schon wieder dieses Leuchten in seinen Augen. Wahrscheinlich hat er wieder 15 Euro auf HSV bei Bet & Win gesetzt. Nein, mal erhrlich: Der Typ ist ein Phänomen. Ich kenne niemanden, der morgens, wenn er die Augen aufmacht, an HSV denkt, und abends HSV das Letzte ist, womit er einschläft. Ein Wahnsinniger, im positiven Sinne. Wenn ich ihn nicht hätte, wäre es mit meiner HSV Liebe wahrscheinlich nie so schlimm geworden. Das hat mit Sicherheit auch damit zu tun, dass er meine Bequemlichkeit unterstützt indem er mir so oft Karten mitbringt. Und jetzt kommt er wieder, der Satz, den ich an ihm so liebe: „Heute hauen wir die so locker weg!“ Unglaublich, woher er immer wieder diese positive Grundeinstellung hat. Über die Jahre fällt mir auf, dass es noch einen Satz gibt, den er mir immer wieder vor der Saison sagt (meistens, zwischen dem 5ten und 8 ten Bier: “Das wird unsere Saison. Du wirst sehen!“ Eigentlich müsste ich mir von diesem Optimismus mal eine Scheibe abschneiden. Es muss kurz nach 15h sein, als wir uns auf unsere Plätze begeben. Ein par Bier und der Absolut/Cola zeigen schon Wirkung. Auf dem Weg, die Treppe runter zu unseren Plätzen, kommt uns Manu entgegen. Ich habe früher mal mit ihm zusammen Fussball beim SC Langenhorn gespielt. Auch ein HSV Verrückter. Und mittlerweile Familienvater. Er kommt uns mit seiner kleinen Tochter entgegen. Ich bin ja relativ schlecht im schätzen von Lebensjahren, aber ich würde sie mal auf 3 oder 4 tippen. Da stellt sich bei mir die Fragen, ob ich später auch meine Tochter mit zum Fussball nehmen werde. Meinen Sohn auf jeden Fall, das ist kein Thema. Aber noch nicht in dem alter. Ich glaube, dass könnte ich nicht. Manchmal bildet sich bei mir, wenn ich Fussball schaue so ein Tunnelblick (Nein, dass hat nichts mit dem vorher konsumierten Alkohol zu tun!) und ich nehme rund um mich herum kaum noch etwas wahr. Wenn man aber solch einen Zwerg dabei hat, muss man sich ständig aufpassen, dass nichts passiert, oder man wird seines Lebens nicht mehr froh. Wir nehmen unsere Plätze ein. Wir werden heute viel Platz haben. Sören, Torsten und Malte fehlen. Malte ist noch in Portugal im Urlaub, und Sören muss wohl arbeiten. Torsten würde ich aber schon gern mal wieder im Stadion sehen (Kleiner Scherz). Das Spiel beginnt, und ich sehe eine Mannschaft, die sich etwas vorgenommen hat. Allen voran ihr Kapitän kämpft, kratzt uns beisst. An ihm können sich die anderen mal ein Beispiel nehmen. Ein Mittelfeldregieseur soll nicht grätschen und defensive Drecksarbeit erledigen. Macht er aber trotzdem und das gefällt nicht nur mir. Nach 20 Minuten allerdings wird der Hebel im Gehirn der meisten Spieler von Kampf auf Trampf oder Angst umgelegt. Das ist richtig zu sehen, wie die Spieler merken, dass sie nicht mal gegen so schwache Gladbacher mit vollem Einsatz ein Tor erzielen können. Anstatt aber weiter zu machen, steigt die Verunsicherung und ein Fehlpass folgt dem nächsten. In dieser Zeit, so um die 20igste Minute herum, rauscht van der Vaart mit Keller zusammen, der sich stark an der Schulter verletzt. Er macht weiter, kann sich aber nur noch schlecht bewegen. In dieser Zeit ist Trochowski der Einzige, der mal bei dem einarmigen Torwart auf die Kiste hält. Ansonsten kein Torschuss. Unglaublich. Da muss doch auch mal von aussen die Anweisung kommen, aus allen Rohren die Pille aufs Tor zu hauen. In der 32. Minute ist der Vorteil vorbei und Keller wird gegen Heimeroth ausgewechselt. Sehr unclever, wie sich der HSV hier verhalten hat. Zur Halbzeit gibt es ein paar Pfiffe und etwas Applaus. Die Leute sind halt zwiegespalten. Bei den einen hat die Mannschaft immernoch Kredit, die anderen haben die Schnauze gestrichen voll. IN der Pause beim pinkeln sind sich die anwesenden Herren einig, dass Sanogo sofort ausgewechselt werden muss. Berisha muss kommen, der kämpft wenigstens, heisst es. Ich kann mich der dominanten Meinung auf dem Klo nur anschliessen. Ich muss sowieso sagen, dass die Halbzeitpinkelpause ausgesprochen gute geeignet ist, um sich die Meinung des Volkes mal anzuhören. Würde Herrn Hoffmann auch mal ganz gut tun, lieber in der Halbzeit am Pinkelbecken in der Nordtribüne anstatt auf dem VIP Klo sein Geschäft zu verrichten. Warum allerdings der Typ neben mir meint, dass Fillinger der beste Mann auf dem Platz sei, werde ich wohl nicht mehr erfahren. Die zweite Halbzeit beginnt, und der HSV spielt nun mit der Nordtribüne im Nacken, da Raffi ja zum Anpfiff die Seitenwahl verloren hatte. Vielleicht ist das ja ein Zeichen.
Sanogo spielt leider weiter, obwohl Berisha sich schon gegen Ende der ersten Halbzeit warm machen durfte. Kann ich nicht nachvollziehen. Sanogo hatte einfach eine grottenschlechte erste Halbzeit abgeliefert. Schlechter konnte es mit Berisha auch nicht werden. Luboja war einfach der agilere Stürmer heute, der sich wirklich den Arsch aufgerissen hatte. Sanogo aber verlor einen Ball nach dem nächsten und konnte sich nie gegen seinen Gegenspieler durchsetzen. Da Guerrero ja nun leider auch verletzt ist (Muskelfaserriss, 4 Wochen Pause) bleiben nur noch wenige Alternativen. Hätte dennoch erwartet, dass Berisha eine komplette Halbzeit von Doll bekommt. Und so hat natürlich Luboja, und nicht Sanogo in der 55 Minute die erste nennenswerte Chance, aber der Kopfball geht knapp drüber. In der 63. minute kommt dann endlich Berisha für Sanogo und Trochowski muss für Mehdi Platz machen. 3 Minuten später ist es dann endlich soweit: Atouba, übrigens auch mit einer sehr schwachen Leistung, setzt sich das erste Mal auf der linken Seite durch, flakt den Ball flach nach innen, Luboja ist Centimerter vor seinem Gegenspieler am Ball und macht das richtig gut: Mit der Hacke gibt er dem Ball die richtige Richtung und es steht 1:0! Unglaublicher Jubel brandet auf. Ich springe wie ein Flummi auf meinen Sitz und umarme irgendwelche Menschen. In der Wiederholung sieht es zwar aus, wie ein Eigentor, aber später im Fernsehen ist es schon Luboja, der den Ball entscheidend trifft. Auch, wenn der Ball noch ein ganz wenig abgefällscht wird. Jetzt ist die Welt wieder in Ordnung. Thomas Doll wird gefeiert, die Hütte steht Kopf, van der Vaart bekommt stehende Overtionen, als er in der 83. Minute das Feld verlässt. Und da, ich sehe es ganz genau: Ein kleiner Hoppelhase läuft über die grüne Wiese, riecht an einer Blume und freut sich über den Sonnenuntergang! Wir haben uns alle so lieb, und Groni erscheint mir fast als Spielverderber, als er mich fragt, warum Thomas Doll denn nicht beim Stande von 0:0 gefeiert wurde? Wie gesagt, wir schreiben die 83. Minute. In der 84. Minute, wie gesagt, ich bin immer noch berauscht vom Glück über den sicheren 1:0 Sieg, sehe ich dann, wie Atouba auf der linken Seite Degen nicht wirklich angreift. Im Gegenteil, er lässt ihm ca. 5 Meter Platz. Es ist ja nicht so, dass Kahe in der 76. Minute bereits von links bedient wurde und wir es nur seiner Dummheit zu verdanken haben, dass er Wächter aus 11 Metern genau in die Arme schiesst. Nun schickt sich also Degen an, den Ball scharf auf den ersten Pfosten zu bringen, und der bis dato noch überhaupt nicht aufgefallene Neuville braucht nur den Fuss hinhalten. 1:1!
Es ist schwer zu beschreiben, was man in solch einem Moment spürt. Vielleicht war es der vorhin bereits angesprochene Tunnel, der sich nun vor mir auftat. Alles wird still um einen herum, irgendwo ganz weit weg hört man die mitgereisten Gladbacher jubeln, schreien und tanzen. Es fühlt sich an, als wenn sich ein Dolch in die Brust bohrt. Als wenn einem das Herz herausgerissen wird. Man hat dann zwei Möglichkeiten. (Eigentlich drei, aber zum heulen ist es in dieser Phase der Saison noch zu früh): Entweder man bleibt regungslos sitzen und erträgt einfach nur den Schmerz, oder, so wie Groni in diesem Fall, springt auf und schreit seinen Frust raus. Ich weiss nicht, was er gerufen hat, aber im Grunde ist es auch egal. Man muss nur einen Weg finden, wie einen dieser Schmerz nicht kaputt macht. Die letzten 6 Minuten rauschen an mir vorbei und es passiert natürlich nichts mehr. Die Mannschaft ist ohne ihren Kapitän nicht in der Lage, noch einen gepflegten Angriff vorzutragen. Und hier mein nächster Vorwurf an Thomas Doll: Warum nimmt er beim Stand von 1:0, was keine deutliche Führung ist, van der Vaart runter. Er war bestimmt, stehend k.o., so, wie er gefightet hat. Aber das eine Minute nach seiner Auswechslung der Ausgleich fällt, ist schon bezeichnend. Wo wären wir jetzt ohne ihn? Wahrscheinlich noch weiter unten, als ohnehin schon. Wenig später pfeift Schiri Meyer ab. Wieder kein Sieg. 6 Minuten haben gefehlt! Unfassbar. Wir bleiben noch ein paar Minuten regungslos sitzen. Flo verabschiedet sich. Ist das einzig sinnvolle, denn sonst steht er nur im Stau. Nachdem wir den Dolch wieder aus der Brust entfernt haben, und nur noch sehr stark bluten, machen wir uns auf in den Presseraum. Bier und Wurst sind jetzt die Pflaster, um die Blutung zu stoppen. Ich nehme es mal vorweg: Es hat nicht funktioniert. Im Pressraum läuft der Spielbericht. Mein Hass auf Atoube wird noch grösser, als ich sehe, wie viel Platz er Degen lässt. Später wird noch die Pressekonferenz mit Doll und Heynkes gezeigt. Zweiterer leidet an akutem Realitätsverlust als er meint, seine Mannschaft hätte das Spiel gewinnen müssen! Mir fällt vor lachen fast das Bier aus der Hand! Lieber Herr Heynkes, ihre Mannschaft darf sich freuen, dass sie mit einer solchen Antileistung noch nicht abgeschlagen auf dem letzten Platz steht. Das war gar nichts, und nur jeder Menge Glück (oder unserem reichlich vorhandenem Pech) ist es zu verdanken, dass Sie einen Punkt mit nach Karnevalland mitnehmen dürfen! Arschloch! Was hat der denn für ein Spiel gesehen???
Wir machen uns auf den Weg Richtung Grindelkino. „Borat“ soll uns noch ein kleines Lächeln ins Gesicht zaubern, was ihm auch gelingt. Um 22:20h steige ich Ohlsdorf aus und gehe durch den strömenden Regen nach Hause. Mir geht Mainz durch den Kopf, die heute 4 Dinger auf Schalke bekommen haben. Oh Mann, das wird hart, nächsten Samstag. Ach ja, da ist dann ja auch Karneval. Ich freu mich.