Bonjour, tristesse. Die Wirklichkeit hat uns wieder. Es war ein sehr frustrierendes Erlebnis, 6 Tage nachdem man ja angebliche die Trendwende eingeläutet hatte, wieder auf dem harten Boden der Realität zurück zu sein. Warum, kann ich leider im Moment noch nicht sagen. Vielleicht haben wir das Pech doch noch nicht besiegt, oder haben wir einfach nur unser Glück nicht deutlich genug gezwungen? Wahrscheinlich ist es ein Mix aus beidem und dazu packt man noch eine gehörige Portion Angstgegner und schon findet man sich auf Tabellenplatz 15 wieder.
Es war 13:30h als ich mich mit Tim Ohlsdorf treffe. Der Herbst ist da, und so ist dieser Samstag geprägt von einem grau in grau, mit gelegentlichem Nieselregen. Dies kann mein Stimmung aber nicht vermiesen, denn heute wird nachgelegt. Leverkusen war erst der Anfang, denn nun sollte für uns die Saison erst so richtig beginnen. Die nächsten Gegner hießen heute Hannover, Mittwoch Porto, Samstag Wolfsburg und Dienstag Stuttgart. 12 Punkte, oder wenigstens 10 waren gebucht! Aber Moment: Irgendwas stimmte bei dieser Rechnung nicht. Der heutige Gegner Hannover 96...da war doch was. 7 Spiele lang hatten wir schon nicht mehr gegen die Roten gewonnen. 5 x Unentschieden, 2 Niederlagen. Die Medien redeten schon vom „Angstgegner“. Ich bin ja, wie die meisten Fussballer, etwas abergläubisch und so lasse ich mich von einem solchen Fluch schnell beeindrucken. Nicht aber Thomas Doll der mit einer einleuchtenden Antwort auf die Frage zum Angstgegner alle Spekulationen beseitigte:“ Die meisten von meinen Jungs haben noch nie gegen Hannover gespielt. Warum sollten sie sich also von dem „Fluch“ beeindrucken lassen?“ Klingt logisch, Thomas. Nur manchmal ist es halt doch nicht so einfach. Später mehr dazu. Tim wirkt müde. Hatte wohl ne Scheisswoche. Ist viel in seinem Praktikum in die Hose gegangen. Das zerrt an den Nerven. Aber heute ist ja Fußball und das sorgt für Ablenkung. Sternschanze treffen wir dann einen alten Schulkameraden aus Gesamtschulzeiten. Christoph wohnt jetzt mit Freundin Anna in Berlin. Als der Axel Springer Verlag das gros seiner Leute aus Hamburg nach Berlin umgesiedelt hat, ist er damals mitgegangen. Daher sieht man sich heute nur noch sehr selten. Zuletzt auswärts in Cottbus. Eigentlich haben wir uns auch nicht mehr viel zu sagen, aber dann kommen wir irgendwie auf seinen neuen Fan Club in Berlin zu sprechen. Christoph ist jetzt in einem HSV-Fanclub? OFC Fanszene Berlin, oder so ähnlich. Damit nicht genug, er ist dort auch noch im Vorstand und Kassenwart! Huch?!? Wie kommt’s? Das sind alles Exil-Hamburger die ebenfalls Sympathisanten des HSV sind und die hat er wohl in seiner Stammkneipe kennen gelernt. „Jetzt wo ich nicht mehr bei den Pfadfindern bin, muss ich mich woanders austoben.“ Sagt er. Klingt logisch. Also hält nun Christoph die HSV Fahne in der Landeshauptstadt hoch. „Es gäbe 250 registrierte Supporters in Berlin, hat Rene Koch gesagt. Da ist noch potential!“ Ich glaube, er kommt noch ganz groß raus. Wo sich die „richtigen“ HSVer vorm Spiel allerdings treffen, weiß er noch immer nicht. Daher steigt er Stellingen aus und fährt mit dem Shuttle. Tim und ich wundere uns über sein Engergement, und fahren weiter nach Eidelstedt. Dort treffen wir Groni, Lars, Malte und Nina. Wir trinken Bier, philosophieren über das Leben und das gleich beginnende Spiel. Also, Business as usual. Eidelstedt ist schon lange kein Geheimtipp mehr. An Spieltagen ist es dort so voll, dass eine ruhige Unterhaltung kaum noch möglich ist. Ständig wird man von den durströmenden Massen angerempelt. Die (schlechte) Musik dröhnt aus den Lautsprechern, Bier (für ein Euro) ölt die Kehlen und zum Glück sind die Bauarbeiten am S-Bahnhof immer noch nicht abgeschlossen, so dass sich die Leute auch noch auf die Strasse stellen können. Sollte die Reichsbahnstrasse bald wieder frei gegeben werden, muss die Bude wohl in der breite noch weiter anbauen. Und obwohl ich eben überwiegend schlechte Attribute aufgezählt habe, liebe ich diesen Ort. Das ist Fußball! Billiges Bier, nette Leute, meistens nur ein Thema, ein Flachbildfernseher, auf dem man vorm Spiel die zweite Liga, nach dem Spiel die Sportschau verfolgen kann, schlechte, dennoch witzige Musik und die Gewissheit, dass es nur noch ca. 20 Minuten zu seinem Sitzplatz sind. Warum gibt es solche Buden eigentlich nicht viel öfter ums Stadion herum? Dadurch würde das Image der grauen Betonschüssel (auch, wenn sie das nicht mehr ist) mit Sicherheit etwas besser werden, der Standort attraktiver. Von Aramark kann man ja leider kein Bier mehr nach dem Spiel erwarten, aber diese Bude am S-Bahnhof Eidelstedt wertet den Stadionbesuch als solchen deutlich auf. Egal, wie das Spiel ausgegangen ist. Um kurz nach 15:00h machen wir uns auf den Weg. Egal, wie oft ich schon beim Fußball war, leider wähle ich noch zu oft diesen Zeitpunkt, mich auf den Weg zum Stadion zu machen, obwohl ich weiß, dass jetzt der Andrang an den Toren am höchsten ist. Egal, gibt mir Zeit, das Bier noch genüsslich in der Schlange auszutrinken. Stefan Hallberg muss im Jahr 1979 das Ritual ähnlich zelebriert haben, ansonsten sind die ersten Zeilen seines Songs „Wer wird deutscher Meister?“ nicht zu erklären. Im Stadion besorgen Malte und ich noch Bier. Es verblüfft mich immer wieder wie innerhalb von einem Kilometer Luftlinie sich der Preis für 0,33 l Bier von 1 EUR auf für 0,5 l Bier für EUR 3,50 verteuern kann. Das ist aber BWL und Marketing und gehört nicht hier her. Wir sind ja selber Schuld, dass wir das teure Zeug kaufen. Wenn dies keiner mehr machen würde, hätten wir mit Sicherheit innerhalb einer halben Saison die Bierpreise von Eidelstdt in unserem eigenen Stadion. Das wäre doch großartig! Aber leider ist der Pöppel sich selten einig und es geht den Leuten in Deutschland viel zu gut, als das sie auf ihr Bier am Spieltag verzichten würden. Wir nehmen unseren Platz ein. Irgendwie scheint heute der Zeitplan der Stadionshow verzerrt zu sein, denn als die Mannschaften bereits auf dem Feld stehen, trällert Lotto immer noch seinen Hit „Hamburg meine Fussballperle“ vom Kran. Ich habe keine Ahnung, was da passiert ist. Normalerweise ist doch der Zeitplan für die Stadionshow, oder wie das jetzt heißt, straff durchorganisiert. Tja, hat wohl jemand gepennt. Das Spiel beginnt. 57.000 sind heute hier. Und außer die schätzungsweise 6000 roten aus Niedersachsen sind sich sicher, dass der HSV heute nachlegen wird. Ich eigentlich auch, wenn da nicht die Sache mit dem Angstgegner wäre.... Das Spiel plätschert so dahin. Im Grunde gibt es nur eine erwähnenswerte Szene in der ersten Halbzeit: Sanogo steil auf van der Vaart, und der kleine Engel macht alles richtig als er den Ball über Enke hebt, doch der Ball prallt nur auf das Tornetz. Schade. Das wäre in der 12ten Minute doch ein Auftakt gewesen. Es passiert danach wirklich nicht viel und für den neutralen Besucher muss dies ein höchst langweiliges Spiel gewesen sein. Einzig der Frage-Antwort Gesang zwischen uns und den Hannoveranern weiß zu gefallen. Es ist schon merkwürdig aber irgendwie können wir Hannover ganz gut leiden und die uns auch. Obwohl wir den selben Namen tragen (HSV) und in Norddeutschland zu hause sind gibt es keine Rivalität. Im Gegenteil: Der gemeinsame Feind Werder Bremen schweißt uns sogar noch enger zusammen. Ich für meinen Teil habe meine Sympathie für 96 vor etlichen Jahren aufgebaut, als 96 noch in der dritten Liga war und um den Aufstieg in die zweite Liga in den Religationsspielen gekämpft hat. Gerald Asamoah und Otto Addo fand ich richtig gut. 96 brauchte einige Anläufe, bis sie endlich den Sprung wieder zurück in Liga 2 geschafft hatten. Das waren damals sehr geile Spiele! Von daher habe ich immer noch Sympathie für 96. Aber heute wünsche ich ihnen eine Niederlage, weil wir doch einen Sieg so dringend brauchen!
Halbzeit. Die Ernüchterung ist groß, weil ich erkenne, dass dies mal wieder eine völlig andere Mannschaft ist, als noch letzte Woche in Leverkusen. Die letzte Konsequenz fehlt einfach. Der letzte Pass kommt nicht an, der Abschluss ist oft ungenau. Ich will den Jungs nichts vorwerfen. Sie rackern und kämpfen, aber es kommt dabei nichts heraus. Die Analyse mit Groni in der Halbzeit fällt uns schwer. Was soll Thomas doll in der Halbzeit sagen? „Ihr müsst den letzten Pass zum Mitspieler spielen!!“ Pah! Das wissen die selber. Zum Glück bin ich hier oben auf der Tribüne und brauche jetzt keine Ansprache in der Kabine halten. Die zweite Halbzeit beginnt. Doll scheint die richtigen Worte gefunden zu haben, denn jetzt kommt die stärkste Phase von uns im ganzen Spiel. Das ließt sich nach dem Spiel auf Kicker.de so: „Erst wurden die einschussbereiten Sorin und Sanogo vor der Linie geblockt, dann scheiterte van der Vaart mit einem Schuss aus kurzer Distanz (49.), ehe noch Kompany sein Glück aus halblinker Position versuchte, aber in Enke seinen Meister fand (50.). Der HSV machte weiter Druck und hatte nach einem van-der-Vaart-Freistoß eine weitere gute Möglichkeit. Kompany scheiterte allerdings aus drei Metern am reaktionsschnellen Keeper (57.)“ Dem ist nichts hinzuzufügen. In dieser Phase bin ich mir sicher, dass wir jetzt den verdienten Führungstreffer erzielen werden. Doch er fällt nicht. Warum und wieso, weiß ich nicht. Es gibt nicht viele Situationen im Fußball wo ich ratlos bin, aber dies ist eine. Was sollst du den von draußen machen, wenn der Scheissball nicht über die Scheisslinie will? Die Pässe in die Spitze sind jetzt besser, aber irgendwie ist immer ein Hannoveraner Bein dazwischen. Ich könnte kotzen. Hannover überlebt diese Drangperiode und kann sich langsam wieder befreien. Dies ist der Zeitpunkt für mich, mal etwas zu den Auswechslungen zu sagen. In der 73. Minute nimmt er Atouba runter und bringt Fillinger. Sorry, aber für mich völlig falsch. Atouba hatte wieder ein sehr gutes spiel gemacht und für Gefahr auf der linken Seite gesorgt. Ich hätte Mehdi, der mal wieder ganz schlecht war, raus genommen und hinten mit einer dreier Kette (Methijsen, Kompany und Atouba) gespielt. Auch, wenn Hannover schon die eine oder andere gute Möglichkeit hatte, so hatte ich nie wirklich Angst, dass die hier ein Tor erzielen könnten. Für Mehdi hätte ich dann Luboja gebracht, der heute auf der Bank Platz nehmen durfte, weil Guerrero in LEV 2x getroffen hatte. 83. Minute. Jetzt kommt Luboja, für Guerrero... Das hatte der Junge nicht verdient. Nach einem Zweikampf mit einem Hannoveraner, wo Foul gegen Guerrero vom schlechten Schiri Kircher gepfiffen wird, bleibt Paulo ebenfalls liegen. Aber jetzt zeigt der Kerl das erste Mal Charakter und steht mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder auf, will weiter spielen. Doch Doll ist schneller und Wechselt Guerrero aus. Sichtlich geknickt humpelt Guerrero ums Spielfeld. Klar, das war seine Chance. Aber jetzt wo sein direkter Konkurrent die Möglichkeit hat, das Spiel zu entscheiden, droht ihm wieder die Bank. Für mich hat Guerrero heute ein gutes, wenn auch glückloses Spiel gemacht. Und einen Stürmer für einen Stürmer raus zu nehmen, versprüht für mich nicht gerade Angriffswillen. Auswechslung Nr. 3. 85. Minute. Van der Vaart muss für Lauth runter. Hä? Lieber Thomas Doll, was soll das denn? Wenn man den Kuchen vom Platz nimmt, machen die Krümel garantiert kein Tor mehr. Und so war es dann auch. Als van der Vaart vom Platz geht, haben wir keinen gescheiten Angriff mehr. Im Gegenteil: Benny Lauth hat keinen Ballkontakt mehr! Und Hannover? Die haben plötzlich noch zwei Grosschancen auf dem Fuss und sind dem Sieg plötzlich näher als wir. Der Schlusspfiff versetzt mir einen Schlag ins Gesicht. Dieses Remis ist wie eine Niederlage. Jetzt sind es schon 8 Spiele, oder 4 Jahre oder 720 Minuten ohne Sieg gegen Hannover. Ich brauche einige Minuten auf meinem Platz um mich zu sammeln. Die Mannschaft bekommt keinen Applaus von mir. Unterm Strich war es einfach der letzte Siegeswille, der mir gefehlt hat. Die Trikots waren dreckig, klar. Aber es war offensichtlich nicht Kampf genug. Jetzt haben die Medien die nächste Serie, auf der sie rumhacken können. Noch ohne Heimsieg in der Saison 06/07. Tja Jungs, ihr habt euch das Leben mal wieder selber schwer gemacht.
Wir treten die Heimreise an. Es steht noch eine Pokerrunde bei Tim an, bei der man den Frust vergessen und mit Korn Cola runter spülen kann. Was dann in der S-Bahn am S-Bahnhof Sternschanze passiert, möchte ich hier nicht erzählen. Die Jungs, die dabei waren, wissen, von was ich spreche. Nur so viel: Es war richtig was wir getan haben, auch, wenn die Mittel vielleicht nicht die richtigen waren. Wir lassen, nachdem wir noch einen Penny in Tim’s Nachbarschaft geentert haben, den Tag bei einer Partie Poker ausklingen. Nur so viel: Lars hat EUR 1,70 gewonnen, Malte hat verloren, genau wie Groni. Tim gehört auch zu den Gewinnern, während ich nur 20 Cent verloren habe. Gegen 23:15h treten Groni und ich die Heimreise durch den strömenden Regen an. Wir besprechen in der Bahn noch die sportliche Lage und schauen nach vorne. Er sagt mir, dass wenig Bock hat, nach London zu fahren, wenn es für uns dort nur noch um die goldene Ananas geht. Ich kann ihn verstehen, der Frust sitzt bei ihm wahrscheinlich noch tiefer als bei mir. Aber hey! Mein größter Wunsch war es, ein Spiel im Mutterland des Fußballs zu sehen. Irgendeins. Und nun spiel sogar mein Verein dort! Gegen Arsenal London! In der Champions League! Ist das nicht Grund genug, sich darauf zu freuen? Auch, wenn wir keine Chance mehr haben sollten, weiter zu kommen. So wird dies doch ein ganz besonderer Tag werden. Da bin ich mir sicher!