Montag, Oktober 16, 2006

Schalke zuhause

Heute ist Tag zwei nach dem Schalke Desaster. Mir geht es immer noch nicht besonders. Erstens, weil heute der erste Tag nach meinem 1 ½ -wöchigen Urlaub ist, zweitens, weil meine selbstauferlegte Diät heute beginnt, und drittens, weil meine Mannschaft mir mit der Leistung vom Samstag einen Schlag ins Gesicht versetzt hat. Wie ich ja am Ende meines Frankfurt Berichtes geschrieben hatte, war ich fest davon ausgegangen, dass wir dieses Spiel gewinnen würden. Aber es kam alles ganz anders....

Der Reihe nach. Samstag, 13:22h, Hamburg Altona. Ich hatte heute zum zweiten Mal in dieser Spielzeit die Ehre, auf Kosten meines Arbeitgebers zum Fußball zu gehen. Allerdings diesmal in Begleitung eines Kunden. Klingt jetzt nach nem tierisch öden Nachmittag, wo man sich benehmen und viel Small Talk von sich geben muss. Doch weit gefehlt. Die Mädels sind zum Glück alle richtig gut drauf und hatten sich auf der Fahrt von Niebüll nach Hamburg gut „in Stimmung gebracht“. Ecki war auch gut drauf. „Cola Korn, bringt uns nach vorn“ hieß das Motto und so schenkte er denn auch gleich ein. Die kurze Fahrt von Altona nach Eidelstedt wurde schnell hinter sich gebracht und so fanden wir uns um ca. 14:00h an der Bude in Eidelstedt zum Biertrinken wieder. Nicht aber Ecki und ich, der noch eine 0,5 L Flasche Lift Apfelschorle (vermutlich) seinem Sohn entrissen hatte und den Inhalt nun immer fleißig auf die halb abgetrunkenen Cola Becher drauf kippte. Und dabei meine ich nicht Apfelschorle..... Hier muss es passiert sein. Hier wurde der Grundstein für meinen späteren Vollsuff gelegt. Stufe 1: Verlust des Zeitgefühls. Es muss wohl ca. 15:00h gewesen sein, als wir die elektronischen Einlasskontrollen hinter uns gelassen hatten. Irgendwie bin ich noch auf Toilette gewesen und habe mich dann auf die Suchen nach meinem Sitzplatz gemacht. Block 12 A, neben den Schalkern. Na, dass kann ja was werden. In meinem Zustand! In dieser Situation. Wie oft hatte ich schon Auseinandersetzungen zwischen dem Gästestehbereich und dem angrenzenden Sitzplatzbereich von einem Platz auf der Nordtribüne beobachtet!?! Die Chancen standen nicht schlecht, dass ich heute Auslöser für fliegende Bierbecher und ähnliche Wurfgeschosse sein würde. Mein Rausch war gerade etwas am abklingen, da kam mein Kollege mit Bier und Wurst zu unseren Plätzen...für 20 Leute. Naja, wer den Kunden halten will, muss ihn halt verwöhnen. Auffällig dabei die 0,5 L Bierbecher, die umfunktioniert wurden zu Senf und Ketchup Spendern. So was hatte ich noch nie gesehen. Bedauerlicherweise wurden die „Bierpaletten“ genau bei mir abgestellt und ich Idiot machte von diesem Umstand gebrauch. Oh Mann! Neben mir ein neuer Kollege aus dem Import bei uns. Bis jetzt wusste ich nicht, was ich von ihm halten sollte. Es hieß, er sei Bremen Fan. Naja, kann ja nicht jeder perfekt sein. Und so kamen wir denn in klönen und es war eigentlich ganz nett: Nettes Wetter, lecker Bier und Wurst, nette Leute und dann kommt unsere neue Innenverteidigung Mathijsen / Wicky. Mir wird erst jetzt so richtig klar, dass Wicky für Kompany spielt. Dabei hieß es doch morgens noch in der Zeitung, Kompany könnte spielen. Was Alkohol aus Menschen macht.... Mathijsen auf jeden Fall mit Fehlpass, die Schalker schalten blitzschnell um und Altintop überläuft Wicky, der sich ziemlich dämlich anstellt. Altintop hat dann keine Probleme mehr, Kirsche zu verladen und es steht 0:1. Danke. Gleich drei mal individuelles Versagen: Mathijsens Fehlpass, Wickys Zweikapfschwäche und auch Herr Kirschstein darf solch einen Ball mal halten. Was soll Doll denn bei solchen Fehlern noch machen? Warten, bis sie aufhören? Dann spielen wir bald montags in Fürth! Ich kann so was einfach nicht verstehen! Wicky will doch wieder zurück ins Team. Da reiße ich doch Bäume aus! Und Mathijsen? Der hatte ja rumgetönt, dass er in die Innenverteidigung gehört. Mit solchen Fehlpässen gehört man nicht mal hinter das Lenkrad vom Mannschaftsbus! Egal! Mund abputzen, weiter machen. Frei nach Olli Kahn: Eier! Wir brauchen Eier!!! Doch die Jungs haben schon längst keine Eier mehr. Einfallslos, ohne Mumm, ohne Überraschungen. Barbarez Ideen fehlen an allen Ecken. Nun, der wird wohl kaum wieder zurückkommen. Van der Vaart? Wer weiß, wann und wie lange er wieder spielt. Trochowski? Gerade unter der Woche von Löw zur Nationalmannschaft berufen“ Glückwunsch dafür. Wir haben wieder einen Nationalspieler. Bis hier aber noch nichts von dem Jungen zu sehen. Er scheint in den letzten Wochen einfach überfordert. Und wahrscheinlich kann man einfach noch nicht von ihm erwarten, dass er den Bundesliga Dino wieder in die richtige Spur bringt! Dann plötzlich traue ich meinen Augen kaum, weil ich ja wie gesagt schon ziemlich breit bin! Hacke von Luboja und der Ball ist im Tor! Doch der Schiri pfeift in sein Horn. Ich kann nicht erkennen, was er gesehen haben will, also bilde ich mir ein, es sei Abseits gewesen. Später in der Sportschau wird behauptet, der Ball wäre von Alex Laas hinter der Torauslinie zu Luboja gespielt worden. Wieder eine von den Entscheidungen, die nicht gegen dich gepfiffen werden, wenn du 10 Tabellenplätze weiter oben stehst.
Danach verlässt mich mein Zeitgefühl immer mehr. Das Bier wirkt. Und wie! Der Schalker Stehbereich skandiert:“ ST.PAULI! ST.PAULI! ST.PAULI!“ Und wenn ich eines nicht abkann, dann sind es Fangruppen, die sich mit denen Sympathisieren. Das bringe ich zum Ausdruck in dem ich meinen erhobenen Mittelfinger in Richtung Stehbereich zeige und dabei ein blutsaugendes Insekt nenne! Das wiederum bringt die Schalker schräg hinter mir auf die Palme und ich muss mich von einem arbeitslosen Ruhrpottaffen aufklären lassen:“ Zecken? Das sind die Dortmunder! Ahnung müsste man haben!“ „Das sagt mir ja der richtige“ fauche ich ihn an und mein Kollege, der übrigens selber bekennender Fan des Hafenvereins ist weißt den Schalker darauf hin, dass St.Paulis Fan Zecken seien, und nicht die Dortmunder. Danke dafür! Nur um das noch mal kurz klar zu stellen: Mein Mittelfinger war nur kurz in der Luft! Hatte es doch vernommen, dass hier mehr Feinde als Freunde saßen!
Julie, die neben mir saß und ebenfalls schon eine beträchtliche Menge an ethanolhaltigen Getränken zu sich genommen hatte, geizte ebenfalls nicht mit Kraftausdrücken, was bei den Mitgereisten Arbeitskollegen Freude hervor rief. Nun aber wieder zum sportlichen. Jarolim auf Sanogo, der steil und geil auf neu Nationalspieler Trochowski und der trifft das Leder endlich mal richtig, so dass Bordon nur noch unhaltbar für Rost abfälschen kann. 1:1. Dies war leider der einzig sehenswerte Angriff vom HSV an diesem Samstagnachmittag. Und dabei war es so einfach. Ein Pass sprengte die Abwehr von Schalke und schon sind wir erfolgreich. Was allerdings danach kommt hat wenig mit Fußball zu tun. Jarolim fault Krstajic. Gelb. Jarolim wird von einem Schalker hart umgegrätscht. Nicht mal Freistoss! Jarolim mit hartem Einsatz gegen Kobiashvili. Gelb Rot! Das ganz innerhalb von 3 Minuten. Klar kann man jetzt sagen: Warum schaltet Jarolim nicht einen Gang runter, nachdem er schon Gelb hatte? Aber warum wird denn der Schalker für das foul an Jarolim nicht auch bestrafft? Und warum zeigt Schiedsrichter Dr. Felix Brych nicht mal etwas Fingerspitzengefühl und belässt es bei Jarolims zweitem Foul bei einer Ermahnung? So wird es doch bei den Herren Lucio oder früher Ballack immer gemacht? Der Beschiss geht weiter! Was bleibt ist die Tatsache, dass wir mal wieder nicht mit 11 Mann zu Ende spielen. Im Gegenteil! 45 Minuten mit 10 gegen 11. Geil! In der Halbzeit gibt es eine wohlverdiente Pinkelpause mit fragwürdigen Diskussionen vor der Pissrinne mit einem Schalker, ob Lincoln ein fairer Spieler sein. Naja, meine Meinung kennt der Mann jetzt. Danach Small Talk mit einem anderen Kunden den wir auf der Tribüne treffen. Leider gesteht mir dieser, dass er ST. P. Fan sei und sich gefreut hätte, wenn dieses Wochenende die Freezers gewonnen, und der HSV zweimal (gegen Schalke und eben gegen den braunen Club vom Millerntor) verloren hätte. Meine Enttäuschung sitzt tief, aber ich überspiele die Situation mit einem lockeren Spruch. Der wird sich wundern, wenn seine Sendungen in Zukunft 1 bis 2 Tage später als gewohnt fliegen! Danach noch mehr Bier. Ich hatte noch gar nicht ganz auf Empfang geschaltet, da kommt Sorin im Schalker Strafraum zu fall und Brych zeigt auf den Punkt! So, Jungs! Und wenn man solche Geschenke in dieser Situation bekommt, MUSS (!!!!!!) man sie annehmen! Sanogo sieht das anders und spielt den Ball zu Rost, als ob es hier um den Fairplay Pokal geht. Grenzenloser Jubel um mich herum und ich schwebe im luftleeren Raum. Ich kann es einfach nicht fassen. Der Typ hat doch letzte Saison für K’lautern sämtliche Elfer verwandelt. Und nun das! Ich falle auf meinen Stuhl wie ein nasser Sack. Das ist zuviel. Ich, muss doch gleich aufwachen und es muss doch 2:1 stehen. Das nächste was ich bewusst wahr nehme ist Bordon, der ca. 4 m hoch springt und den Ball ins Netz schädelt. Wieder Jubel um mich herum. Aber hier ist es dunkel. Ich weiß nicht, wie das Spiel danach weiter geht. Das einzige, was ich noch weiß ist, dass ich Julie versuche zu erklären, was es bedeuten würde, wenn die große Uhr, die 43 Jahre und 51 Tage erste Liga anzeigt, gelöscht werden würde. Sie wird still und scheint zu begreifen. Irgendwann habe ich genug und will nur noch zu meinem Platz auf der Nordtribüne. Ich stehe auf, sage zu Julie, dass ich jetzt gehe und bewege mich Richtung Hauptgang. Noch kurz Ecki einen schönen Abend gewünscht. Aber der nimmt mich, glaube ich, nicht wirklich wahr. Danach warte ich auf Julie im Gang, was offensichtlich ein verbrechen darstellt. Ein Ordner weißt mich darauf hin, dass ich hier in der Mitte nicht stehen soll. „Ich warte nur kurz auf meine Freundin“ sage ich. „Aber nicht hier!“ bekomme ich zu hören. Zum Glück kommt in dem Moment Julie sonst hätte diese Situation schlimmer enden können. Mich spricht man lieber im Angesicht einer drohenden Niederlage nicht dumm von der Seite an. Und schon gar nicht mit dem Pegel. Ihr seht schon. War keiner meiner besten Tage...! Während wir zur Nordtribüne rüber gehen beschwert sich Julie, dass wir doch den Ausgleich verpassen würden. „Wir schießen heute kein Tor mehr, mein Schatz“ sage ich in einem mir völlig unverständlich ruhigem Ton. Ich habe (für heute) aufgegeben. Und so scheint es mir auch auf meinem Platz. Nur Groni und Lars sind noch da. Alle anderen sind fort. Einmal reißt Trochowski mich noch vom Sitz mit einem Fernschuss in der Nachspielzeit. Aber ich hatte es ja bereits gesagt! Wir schießen heute kein Tor mehr. Schluss.

Wir schlendern runter, wo wir uns mit Nina treffen. Ich rufe noch schnell Malte an, ob wir mit der Bahn oder dem Auto nach Leverkusen wollen. Ich klinge am Telefon fast so, als wenn wir unsere Siegesserie heute fortgesetzt hätten. Stattdessen war es die zweite Saisonniederlage. Ich glaube, ich habe noch nie so schnell nach einer Niederlage schon mit den Planungen für die nächste Tour begonnen. Groni fährt uns nach Hause. Auf dem Weg zum Auto lasse ich einen Schalker noch meine Schulter spüren. Irgendwie bin ich der Meinung, dass die sich hier nicht so aufspielen brauchen. Dabei hat der Typ lediglich das weiße Veltins Auswärtstrikot an und einen Schal um. Bin halt manchmal ein scheiss Prolet, wenn ich voll bin. Das tut mir leid.

Bei mir zu hause angekommen gucken wir noch die Sportschau. Einen Pernod/Cola und ein Whiskey/Cola, den ich leider zu großen Teilen ausversehen über meinen Teppich gieße, gehen noch rein. Mehr nicht. Um 20:30h schlafe ich ein, mit der Hoffnung, am Samstagmorgen aufzuwachen und zum Schalke Spiel gehen zu können. Das spiel wird dann 2:0 für uns enden. Luboja und der wieder genesene Van der Vaart treffen. Doch es kommt anders. Es ist Sonntagmorgen, als ich erwache und wir sind Tabellen Siebzehnter....

Sollte ich mich jetzt irren, bitte verbessert mich. Aber ich meine noch Thomas Doll im Gehörgang zu haben, wie er mal wieder seiner Mannschaft „ein Kompliment aussprechen muss“. Ne, Thomas. Wirklich nicht. Langsam muss sich was tun, sonst wird es eng. Ich bin der Meinung, dass er am wenigsten dafür kann. Aber vielleicht ist weniger manchaml ja mehr, und deshalb sollte er mal nach einem Spiel einfach nicht so viel erzählen, wie „toll seine Mannschaft auch heute nach dem Rückstand wieder zurück gefunden hat“. Das hat keinen Wert mehr. Echt nicht.

Nächste Woche nach Leverkusen, und wer glaubt, dass Barbarez genauso kläglich gegen seinen Ex-Verein die Chancen versiebt wie Takahara, der wird sich wundern. Wir werden den besten Barbarez aller Zeiten nächsten Sonntag sehen. Verlasst euch drauf.

Hoffentlich kommt Raffi bald wieder, sonst gute Nacht Marie.