Sonntag, November 05, 2006

Wolfsburg auswärts


Heute ist Sonntag, ein regnerischer Tag im Jahr 2006. Ich habe vor etwa einem Jahr gesagt, dass die nächste Saison meine werden würde. Alle 34 Spiele wollte ich sehen. Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob diese Entscheidung richtig war. Nicht, weil ich es bereue. Seinen Verein zuhause und auswärts zu unterstützen ist eine lohnenswerte Sache. Manche stecken tausende von Euro in ihre Modeleisenbahn oder gewinnen mit Ihrem Hund Pokale und opfern viel Zeit dafür. Ich mache halt den Fußball zu meinem Hobby. Aber irgendwie gibt es in diesen Tagen einen Unterschied zwischen mir und den Modellbauern bzw. Hundezüchtern: Sie bekommen von ihrem Hobby etwas zurück. Die Freude, die sie empfinden wenn der Wauwi mit dem Schwanz wedelt ist etwas, dass sie vorantreibt. Mein Hobby gibt mir momentan nicht viel. Im Gegenteil: Woche für Woche wird man enttäuscht und fragt sich: Warum mache ich das überhaupt noch? Irgendwann muss sich doch was ändern? Aber es ändert sich nichts. Wie z.B. Mittwoch. CL zuhause gegen Porto. Es ist eigentlich nur noch eine rechnerische Chance die wir haben, weiter zu kommen. Wer glaubt schon ernsthaft daran, dass wir Porto, London und Moskau schlagen? 57000 tun es und geben viel Geld aus und begeben sich bei Eiseskälte in den Volkspark. Und was wird ihnen geboten? Ein trauriger Anblick. Männer, die nicht mehr an sich glauben. Die gar nicht weiterkommen wollen, so erscheint es mir. Und die darüber hinaus noch an Realitätsverlust leiden (Mahdavikia: Wir haben gekämpft, gute gespielt!) Eine Unglaubliche Minusleistung wurde da geboten. Und dann? Ja, dann entlädt sich der Frust der Menschen, inklusiver mir selbst. Atouba wird ausgewechselt. Es gibt ein paar pfiffe, nicht mal das ganz große Pfeifkonzert, was er verdient hätte nach seiner Leistung. Er hingegen zieht es vor, gleich in der Kabine zu verschwinden. Ihn interessiert es nicht mal, ob wir hier noch den Ausgleich schaffen! Hinterher wird er noch die Menschen beleidigen, indem er sagt: Sollen Sie doch pfeifen, dann spielen wir eben ohne Fans! Dafür habe ich kein Verständnis! Einen Tag später wird man Medienwirksam die Angelegenheit runter spielen. Er kann ja die Sprache noch nicht so gut und wurde falsch verstanden! Fickt Euch! Wollt ihr und eigentlich komplett verarschen??? Die Bildzeitung prägt den Begriff der Söldnermentalität und Söldnermannschaft. Und so kommt es mir auch vor. Denen ist es egal, wie sie spielen. Hauptsache, das Geld ist am ersten des Monats pünktlich auf dem Konto!

Gestern sah es morgens noch anders aus. Heute muss sich was ändern, denke ich mir. Und so rasiere ich mich am Spieltag (!!!). Vielleicht bringt das ja Glück. Die heutige Tour soll auch wieder mit dem Auto bestritten werden. Leider können die geballten Überzeugungsversuche von Flo und mir Tim nicht vom mitkommen überzeugen, und so treten wir die Reise ins ca. 230 km entfernte Wolfsburg alleine an. Auf der Bahn ist nicht viel los und so bringen wir die Strecke bei tiefsinnigen Gesprächen (Unterschichtsfernsehen, Urlaubsplanung, Arbeit, etc.) angenehm in 2 Stunden hinter uns. Flo ist nicht der ganz große HSV Fan, aber das ist nicht schlimm. Kann ja nicht jeder so bescheuert sein wie die UCH! Ich freue mich aber, dass er mitkommt. In letzter Zeit war wenig Zeit zum quatschen.

In Wolfsburg wird ein P+R Parkplatz aufgesucht und nach einem 15minütigen Spaziergang ist die VW Arena erreicht. Besonders langwierige Kontrollen der Auswärtsgäste machen allerdings die ganze Angelegenheit zu einer Punktlandung. In der Schlange vorm Stadion treffe ich noch einen alten Schulfreund aus der fünften Klasse. Damals waren wir sehr gut befreundet, aber als er aufs Gymnasium wechselte haben sich unsere Wege getrennt. Vor ein paar Jahren habe ich ihn im Thomas Read das erste Mal wieder gesehen und heute treffen wir uns noch hin und wieder beim HSV. Wir klönen über die Momentane sportliche Situation und aus seiner Stimme klingt ebenfalls nur noch Frust, Ratlosigkeit und Enttäuschung. 2 Stunden hat er wohl für CL Karten angestanden um dann 120 Euro auf den Tisch zu legen. Mir wird einmal mehr bewusst, was ich für ein Glück haben, mit jemanden befreundet zu sein, der mir so was oftmals erspart (Danke, Groni).

Um 15:25h nehmen Flo und ich unseren Platz auf dem Oberrang ein und merken gleich, dass wir mit unserer Platzwahl heute nicht so viel Glück hatten. Vor uns wird gestanden, also müssen wir auch 90 Minuten stehen. Das ist ja kein Problem. Man weiß ja, wie das so auswärts ist. Allerdings hat der Typ hinter uns wohl schon eine lange Alkoholkarriere hinter sich und schreit in einer Tour. Wäre ich ein positiver Mensch würde ich sagen: Geiler Typ. Der Supportet seinen Verein permanent! Wer mich kennt, weiß aber, dass ich das nicht bin. Und so wird es mit der Zeit etwas nervig, dass er ein ständiges „HAAAAAAAEEEEEEEESSSSVAAAAAUUUUU“ von sich gibt. Und dabei ist es übrigens egal, ob gerade ca. 6000 andere HSVer was anderes rufen. Das bekommt er nicht mit. Naja, egal. Hauptsache, er ist hier bei uns. Zu dem Spiel möchte ich heute eigentlich nicht viel schreiben. Die meisten, die sich mein Geschreibe jede Woche antun haben vermutlich das Spiel irgendwo selber gesehen. Daher möchte ich lieber eine Einzelbewertung der Spieler, die angeblich die Raute im Herzen tragen sollten, vornehmen: Wächter: einer der wenigen, wo ich sage. Da hat sich der Wechsel gelohnt. Er strahlt tatsächlich mehr Ruhe aus als Kirschstein. Beim Tor ist er machtlos, aber weltklasse, wie er zweite Halbzeit den Ball, der aus einem Meter auf ihn zu kommt noch um den Pfosten lenkt. Dennoch hat der HSV ein Torwartproblem. Und das leider schon seit HJB den Verein Richtung Leverkusen verlassen hat. Da muss endlich mal ein Typ zwischen die Pfosten! Fillinger: Hatte sich wohl nicht ins Team gespielt, sonder profitierte nur von den schlechten Spielen Mahdavikias und dem anhaltenden Verletzungspech (Wicky, Demel). Er ist ein junger Typ, das weiß ich. Aber er war einfach überfordert auf seiner rechten Seite. Gar nicht mal mit seinem Gegenspieler (Hatte er überhaupt einen???), sonder vielmehr mit dem Spiel nach vorne. Viel zu langsam, viel zu leicht zu berechnen. Technisch schwach brauchte er einfach zu lange, den Ball anzunehmen und weiter zu spielen. Es kam keine präzise Flanke von ihm. Und das Tor ist ganz nebenbei auch über seine Seite gefallen. So ist er keine Alternative. Klingbeil: Mein Freund Rene...was soll ich das noch zu sagen. Gestern zwar ohne nennenswerten Fehler, aber er ist und bleibt für mich ein guter Zweitligaspieler. Nein, Rene. Wenn wir alternativen hätten, würdest du nicht mehr spielen! Mathijsen: Holländischer Nationalspieler. Davon ist nicht viel zu sehen, wie ich finde. Er spielt mittlerweile einen guten Part in der Innenverteidigung. Unauffällig. Aber irgendwie dachte ich doch, er könnte Boularouz ersetzten. Das kann er nicht, und wird er auch nie können. Er ist für mich der nächste Hoogma, der mich mit langen, unpräzisen Bällen, die nur selten ankommen, kurz vor die innere Kernschmelze treibt! Mal sehen, ob er sich noch steigern kann. Hoffen wir das Beste. Atouba: Für ihn habe ich nichts mehr übrig. Ein Abzocker und Schwindler vor dem Herrn. Sein Sommertheater mit dem neunen Vertrag hätte uns eigentlich schon die Augen öffnen müssen. Warum wusste man von dieser Masche eigentlich nichts, bevor man ihn geholt hatte? Dann sein Auftritt nach dem CL Spiel. Und Leistung zeigt er auch seit Wochen nicht. Unbegreiflich das Gegentor gegen Porto. Dann soll er doch bitteschön den Ball selber ins Tor schießen und nicht seinem Gegner zugucken. Atouba, go home! Feilhaber: Machte keine gutes Spiel in Wolfsburg. Wahrscheinlich hat man ihn nach dem Leverkusen Spiel zu hoch gelobt. Da hatte er ja noch gesagt: Die Bundesliga liegt mir, da wird viel schneller gespielt als in der Regionalliga, man hat viel mehr Möglichkeiten. Tja, Wolfsburg war dann wohl etwas zu schnell für ihn, oder wie will er mir seinen Ballverlust vor dem 1:0 erklären? Dennoch wird er wohl seinen Weg gehen. Hoffentlich aber demnächst wieder besser als gestern. Sorin: Ein absoluter Weltstar. Vielleicht schon über seinen Höhepunkt hinweg, aber für uns und die Liga reicht das schon lange. Ein Vollblutfussballer, er immer kämpft. Sein Trikot ist hinterher immer dreckig. Und umso mehr tut es mir in der Seele weh, solche Leute mit hängendem Kopf über den Platz schleichen zu sehen. Ich hoffe nur, dass er mich nicht genauso wie Atouba enttäuscht und wir seine Söldnermentalität noch kennen lernen. Es wäre schade. Jarolim: Kämpft sich 2 Wochen nach seiner Verletzung wieder die Startelf. Solche Typen brauchen wir mehr. Gestern konnte man nicht viel von ihm erwarten, aber ich bin froh, dass er wieder da ist. Wenn nun noch sein „schnelles“ Hingefalle läst, bin ich voll und ganz zufrieden. Lauth: Das Püppchen. Der Schwule. Es gibt viele Schimpfnamen, die zu Lauth passen. Und er hat sie sich über lange Zeit hart erarbeitet. Wie er über den Platz schwebt, und nicht läuft. Wie er in der Halbzeit mit den Auswechselspielern herumtollt. Alle haben kurze Hosen an, nur er hat die dicke Winterjacke mit langer Hose an. Mein Gott Benny, du bist für den harten Männersport einfach nicht gemacht! Was hatten wir alle gehofft, als du von der Isar an die Elbe gewechselt bist. Ein Tor nach dem nächsten hast du gemacht. Darunter Tore, die kann man gar nicht schießen (Nürnberg auswärts). Aber tu uns jetzt allen doch einen Gefallen und geh wieder zurück zu 1860. Die brauchen dich wirklich dringender als wir. Auf Leute, die 2 Monate zwischen Bank und Tribüne wechseln, um dann bei ihrer ersten Aufstellung von Anfang an eine solche Leistung abzugeben, können wir gerne verzichten! Guerrero: Ganz schwerer Fall. Warum gibt Bayern einen Spieler an den HSV ab? Das kann ja nichts sein, oder? Er kämpft, er rackert, er macht und tut, aber irgendwie sehr unglücklich. Seine einzigen Tore hat er als Joker erzielt. Gibt es das wirklich, das harte los für einen Spieler, dass er nur trifft, wenn er eingewechselt wird? Vielleicht ist er so einer. Gestern wurde ihm ein Elfer geklaut. Bei Bayern hätte er ihn bekommen, bei uns nicht. Wie gesagt: schwerer Fall. Wir müssen abwarten. Trochowski (für Sorin): Hoffnungsvolles Talent. Nationalspieler. Es gibt Momente, da kann man das wirklich erkennen. Gestern war leider keiner dabei. Er ist Hamburger und einer der wenigen, wo ich glaube, dass er mit Leib und Seele am Verein hängt. Wenn man davon überhaupt sprechen kann. War, als van der Vaart verletzt war überfordert, kann jetzt aber frei aufspielen. Warum macht er das nicht? Die Fähigkeiten dazu hat er! Sanogo (für Lauth): In den ersten Spielen hat er wie am Fliessband getroffen. Und geile Dinger dabei: Cottbus auswärts. Aber seit geraumer Zeit läuft es nicht. Er sollte mit Luboja unser neues Sturmtraumpaar werden. Aber die beiden können sich ja nicht mal unterhalten, so scheint es mir. Keiner kennt die Laufwege des anderen. Gegen Porto wurde er immer wieder hoch angespielt, was undankbar ist für einen Stürmer. Aber kann er nicht einmal einen Ball halten? Oder verlängern? Oh Mann! Er ist keine europäische Spitze, aber doch ein guter Stürmer in der Bundesliga. Oder sehen wir gerade den wahren Sanogo? Luboja (für Jarolim): Wahrscheinlich auch ein Söldner. Zumindest wenn man den Geschichten aus Stuttgarter Zeiten glauben darf. Kämpft und läuft, aber es kommt nichts dabei herum. Strahlt zurzeit keinerlei Torgefahr aus. Fraglich, ob die überhaupt noch kommt, oder ob er uns im Sommer schon wieder verlässt. Seine Frisur wirkt auf jeden Fall sehr lächerlich, solange er nicht trifft. Van der Vaart: Wer mich kennt weiß, dass er einen Sonderstatus bei mir hat. Ich halte ihn für den besten Fußballer, den der HSV seit langer hatte. Aber ich muss jetzt auch an ihm mal Kritik üben: Er ist unser Kapitän. Aber irgendwie merke ich davon auf dem Platz nicht viel. Ein Kapitän sollte vorangehen, ein Vorbild sein. Für die Mannschaft und für die Fans. Gestern aber hat er sich und seiner Mannschaft fast einen Bärendienst erwiesen. Denn bei all seinen Fähigkeiten auf dem Platz und bei all seiner Sympathie, die er neben dem Platz ausstrahlt, eines kann er nicht: Verlieren. Und so zankt er sich mit Gegenspielern so lange, bis er fast wegen Tätlichkeit vom Platz geht. Der Frust sitzt tief bei ihm, dass kann ich schon verstehen. Aber wem nützt denn ein rot gesperrter van der Vaart? Das muss er lernen. Er muss lernen, sich auf dem Platz im Zaum zu halten. Außerdem muss er aufhören, schön zu spielen. Er versucht immer noch am 16 Meter Raum einen Heber über den Torwart, anstatt mal den Hammer raus zu holen. Der verdammte Ball muss jetzt über die Linien, scheißegal, wie das aussieht. Wo sind die super Freistösse und Ecken aus der letzten Saison hin? Wo die 25 Meter Treffer, wie damals in Stuttgart? Ansatzlos! Atemberaubend! Wo ist das alles? Er kämpft bis zum umfallen für sein Team, dass sieht man. Aber ist er auch in der Lage, ein Team aus einem solchen Tief zu führen? Ich möchte ungern Uli Hoeness Recht geben, der letzte Saison während des van der Vaart Booms, gesagt hat, dass der sich erstmal international durchsetzen muss. Keiner hat Uli H. damals zugehört, aber jetzt habe ich Angst, er könnte Recht haben und Rafael hat gar nicht die große Klasse, wie wir immer gedacht haben. Und eines kommt noch dazu: Er hat nie um die Existenz gespielt, nie um den Abstieg. Er hat mit Ajax und auch letzte Saison mit uns immer nur oben mitgespielt. Im Abstiegskampf muss man aber kühlen Kopf bewahren. Und um mehr geht es doch diese Saison gar nicht mehr.

Jetzt noch ein Wort zu Dr. Markus Merk. An ihm lag es gestern nicht, dass wir verloren haben. Im Gegenteil: Wenn ich er gewesen wäre, hätte ich van der Vaart vorzeitig vom Feld geschickt. Nur beim Elfer, da lag er falsch. Und wenn wir da den Ausgleich erzielt hätten, wäre mein Bericht wohl nicht so negativ ausgefallen.

Als der Abpfiff ertönt gehen Flo und ich schnell zum Auto. Mit fällt auf, dass einige dem Team Applaus spenden, andere nur noch dem Mittelfinger für das Team übrig haben. Diese Situation wird auch die Fans wieder in zwei Lager teilen. Als wir schon draußen sind, höre ich nur noch: „Wir haben die Schnauze voll“ und „Vorstand Raus“ Der Kredit ist aufgebraucht und ich verüble es Thomas Doll nicht, wenn er jetzt alles hin wirft. Später im Auto erfahren wir, dass er weiter machen wird. Ich bin sogar etwas überrascht. Nach 2 Stunden kommen, und der Erkenntnis, dass Wolfsburg einfach keine Reise wert ist, kommen wir wieder in Hamburg an. Beim Gedanken an Dienstag wird mir Angst und Bange: Stuttgart hat sich mit vier Toren in Aachen warm geschossen. Quo vadis, HSV?